Schwellenangst – eine Anleitung, 
den Schritt ins Unbekannte zu wagen

  • Vom 26. Februar 2019

Mal Hand aufs Herz: Wer fühlt sich schon rundum wohl bei dem Gedanken, eine gewachsene Komfortzone zu verlassen – sei es beruflich oder privat?

Immerhin können wir nicht mehr aus dem Potenzialraum schöpfen, den wir uns über die letzten Jahre oder Jahrzehnte aufgebaut haben. Wir betreten vielmehr Neuland und stehen an der Schwelle zu etwas, das wir weder überblicken können noch über das wir Kontrolle haben. 

Die Angst kurz bevor es vollbracht ist

Diese Schwellenangst überkommt uns meist, wenn wir ein lang ersehntes Ziel erreichen oder uns einen Wunsch erfüllen. Wir stehen kurz davor, es zu vollbringen, und schauen zurück auf den bekannten Weg mit allen guten Momenten, mit allen Hürden und Entscheidungen.

Dann blicken wir nach vorn und haben allenfalls eine Ahnung und meist eine Menge Vorstellungen von dem, was uns hinter der Schwelle erwartet. Wie wird es sich anfühlen? Werden wir dem gerecht? Tun wir das Richtige? Ist es das, was wir wirklich wollen? Es ist ein Phänomen, dass diese Grundsatzfragen an der Schwelle noch einmal auftauchen.

Nicht viele haben dann den Mut, diese Schwelle auch wirklich zu überschreiten. Einige weichen gar ganz zurück, wenn sich der Zweifel zu ihnen gesellt. Andere greifen auf die beliebteste Bewältigungsstrategie zurück, die dem Menschen zur Verfügung steht: Sie suchen nach Ablenkungen.

Jeder Nebenschauplatz ist willkommen, um nicht zu fühlen, was diese Schwelle mit uns macht. Müssten wir doch eingestehen, dass wir trotz bester Planung nicht alles im Griff haben.

Zumindest war es nicht unser Plan, uns derart von Gefühlen überrollen zu lassen. Vielmehr wollten wir über die Schwelle gleiten – selbstsicher, gelassen, leicht. Soweit unsere Vorstellung.

Neigen wir dann noch zum Perfektionismus und sind eher leistungsorientierte Menschen, geben wir uns spätestens jetzt schlechte Noten für die eher bescheidene Darbietung an der Schwelle.

Eine innere Reise an die Schwelle

Wollen Sie wissen, wie Sie raus- oder noch besser: wie Sie sanft rüberkommen? Seien Sie milde mit sich – und halten Sie für einen Moment inne. Suchen Sie sich ein stilles Plätzchen bei sich zu Hause und folgen Sie mir auf eine Reise zur Schwelle.

Schließen Sie Ihre Augen und sehen Sie sich selbst an der Schwelle stehen. Worum auch immer es geht – einen Jobwechsel, den Umzug in eine fremde Stadt, eine Trennung, eine neue Beziehung. Machen Sie sich bewusst, wo Sie stehen!

Schauen Sie für einen Moment zurück und werden Sie gewahr, welche Beweggründe Sie für diesen Schritt hatten. Vielleicht ist es nichts Alltägliches, dass Ihre Entscheidungen Sie hierhergeführt haben – nichts Alltägliches für Sie, nichts Alltägliches in Ihrer Ursprungsfamilie. Würdigen Sie das Alte, das Sie verlassen, endgültig.

Jetzt blicken Sie nach vorn und lassen Sie die Ungewissheit und die Leere des Neuen auf sich wirken. Lassen Sie für einen Moment alle Gefühle zu, die damit verbunden sind. Begegnen Sie auch dem Zweifel und stellen Sie sich drei Fragen:

Welcher Anteil in Ihnen spricht hier – ein kindlicher oder ein erwachsener?
Welche Abteilung in Ihnen spricht – Ihr Herz oder Ihr Verstand?
Wer aus Ihrer Familienfeld steht Ihnen gegebenenfalls im Weg?

Das Kinderfeld

Die unerlösten kindlichen Anteile in uns brauchen meist noch etwas, bevor sie etwas wagen. Schauen Sie, ob Sie auf den Wunsch des Kindes in sich eingehen können.

Sie sollten eine wichtige Schwelle in Ihrem Leben stets zum größten Teil als Erwachsener überschreiten. Die Kinder in uns sind es, die uns abhalten – und sie sind es, die uns scheitern lassen könnten, weil ihre Ansprüche mit den neuen Anforderungen hinter der Schwelle nicht in Einklang zu bringen sind.

Prüfen Sie also, wie mächtig Ihre kindlichen Anteile und Ansprüche noch sind. Früher oder später müssen Sie sich ihnen ohnehin stellen.

Herz oder Verstand

Die meisten Zweifel kommen aus dem Intellekt. Unser über die Jahrzehnte perfekt trainierter Verstand kann das Unbekannte eben weder greifen noch analysieren.

Haben Sie schon einmal versucht, auf einen neuen Partner mit dem Verstand zuzugehen? Der Verstand sorgt eher dafür, dass wir vor ihm stehen bleiben und ihn von allen Seiten betrachten – auf das ja keine Gefahr von ihm ausgehe.

Das Herz zieht es dagegen in Liebe auf das Unbekannte hin. Der Verstand will verstehen und nehmen. Das Herz will erleben und geben. Der Verstand ist hochmütig und will Grenzen setzen. Das Herz ist demütig und will Grenzen aufheben.

Das Familienfeld

Wir wollen gründlich sein. Darum blicken Sie sich noch einmal um: Wer aus Ihrem Familienfeld könnte Sie davon abhalten wollen, den Schritt in einen neuen Lebensabschnitt zu gehen?

Lassen Sie sich einen Moment Zeit und schauen Sie, wer aus Ihrer Familie auf Sie zukommt. Ist es ein Elternteil, ein naher Verwandter, ein Kind? Wenn Sie den Angehörigen deutlich sehen, fragen Sie ihn, was sein Anliegen oder seine Botschaft sind. Es kann hilfreich sein, ihn anzuhören.

Ein kurzer Moment des Mutes

Nehmen Sie alle Informationen hin und ernst, die Sie auf Ihrer Reise zur Schwelle erhalten. Vielleicht gibt es tatsächlich noch etwas zu tun, bevor Sie den Schritt hinüber wagen?

Fragen Sie abschließend alle Instanzen in sich, ob sie mit dem Schritt einverstanden sind. Erst wenn alle zugestimmt haben, kann man sagen, dass Sie sich einig sind – mit sich selbst! Bekennen Sie sich zu Ihrer Einigkeit mit einem leise oder laut gesprochenen Ja und machen Sie nun vor Ihrem inneren Auge in der rechten Haltung der Demut einen großen Schritt nach vorn, über die Schwelle hinweg…

Schauen Sie sich auf der anderen Seite um. Wie fühlen Sie sich? Was kommt in Ihnen zum Erleben?

Wenn Sie so weit sind, öffnen Sie Ihre Augen und freuen Sie sich auf den Neuanfang. Innerlich ist es vollbracht, das Außen wird nun folgen. Füllen Sie das Feld mit praktischem Tun. Wenn Sie bereits einen physischen Ort für den Neuanfang haben – in meinem Falle sind es die Praxisräume – dann treten Sie jeden Morgen bewusst über die Türschwelle und heißen Sie das Neue willkommen.

Foto: Adobe Stock

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