In den ersten Tagen dieses neuen Jahres versank Berlin in einem leisen, weißen Zauber. Während wir Erwachsenen die Stirn in Falten legten, an glatte Straßen, verspätete Bahnen und nasse Schuhe dachten, stand meine fast sechsjährige Tochter mit strahlenden Augen am Fenster. „Mama“, sagte sie mit einer entwaffnenden Sicherheit, „das war ich. Ich habe mir den Schnee gewünscht.“
Später, als sie Passanten begegnete, die über das Wetter schimpften, entschuldigte sie sich fast ein bisschen. Sie rechtfertigte ihren Wunsch damit, dass sie doch Schlitten fahren wolle. Doch während die Erwachsenen ungläubig auf sie herabblickten und ihr Lächeln angesichts dieser kindlichen Naivität kurz weicher wurde, blieb sie dabei: Sie war verantwortlich. Sie hatte gewünscht und das Leben hatte geliefert.
Wann haben wir eigentlich aufgehört, so zu wünschen?
Die Ernüchterung des „Wunsch-Automaten“
Wir alle kennen Wünsche. Doch je älter wir werden, desto mehr verkommt das Wünschen zu einer logistischen Transaktion. Wir wissen, dass Weihnachtsgeschenke nicht vom Himmel fallen, sondern von jemandem gekauft werden. Unsere Logik sagt uns: Wo ein Geber, da eine Erfüllung. Wo kein Geber, da bleibt der Wunsch leer.
Besonders zum Jahresbeginn flüchten wir uns deshalb oft in eine gefährliche Passivität. Wenn ich Menschen frage, was sie sich vom neuen Jahr wünschen, höre ich oft: „Ich lasse es auf mich zukommen“ oder „Mal sehen, was das Jahr bringt.“
Ehrlich gesagt, erschreckt mich das. Es ist eine Form der Resignation, die sich als Gelassenheit tarnt. Wir überlassen dem Kalender die Regie über unser Glück. Aber macht uns das zufrieden? Oder schützt es uns nur vor der Enttäuschung, dass kein „Geber“ auftaucht, um unsere tiefsten Sehnsüchte zu erfüllen?
Was die Weisheit uns lehrt: Das Feld der Möglichkeiten
Wünschen ist weit mehr als eine kindliche Träumerei. In der Weltliteratur und Philosophie gilt der Wunsch oft als der „Samen der Tat“.
Johann Wolfgang von Goethe wusste: „Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, und Vorboten dessen, was wir zu leisten imstande sein werden.“ Ein Wunsch ist also kein passives Hoffen, sondern ein innerer Kompass.
Bert Hellinger, der Begründer der Systemaufstellungen, betrachtete Wünsche oft im Kontext der Ordnung und der Zustimmung zum Schicksal. Er lehrte, dass ein wahrer Wunsch nur dann Kraft entfaltet, wenn wir bereit sind, die Konsequenzen zu tragen. Wünschen im systemischen Sinne bedeutet, sich in den Dienst von etwas Größerem zu stellen.
Rosina Sonnenschmidt betont in ihren Werken oft die schöpferische Kraft des Geistes. Für sie ist das Wünschen eine Form der Selbstheilung und Selbstermächtigung. Wer nicht wünscht, stagniert energetisch.
Warum Ziele oft den Verstand rotieren, aber das Herz kalt lassen
In diesen Tagen werden wir mit Workshops zur „Zieldefinition“ überhäuft. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ziele sind nützlich. Aber fühlen Sie den Unterschied?
Ein Ziel entspringt meist dem Verstand. Es will erreicht, abgehakt und als Trophäe präsentiert werden. Ziele lassen unseren Verstand rotieren, sie erzeugen Druck und lassen uns oft wie Jäger durch das eigene Leben hetzen. Am Ende der Jagd fragen wir uns erschöpft, wo die Jahre geblieben sind. Über Ziele wird man alt.
Ein Wunsch hingegen erwärmt das Herz. Ein echter Herzenswunsch, etwa nach einer erfüllten Partnerschaft, einer wahren Berufung, nach Gesundheit oder Gemeinschaft, lässt uns jung bleiben. Er ist kein Druckmittel, sondern eine Hingabe.
Das Geheimnis des „Erwachsenen Wünschens“
Wie also wünschen wir „richtig“, wenn wir keine sechs Jahre mehr alt sind?
Der entscheidende Unterschied ist: Wir müssen verstehen, dass wir selbst der Geber sind. Wir wünschen uns eine tiefe Partnerschaft, aber sind wir bereit, die alten Mauern um unser Herz einzureißen? Wir wünschen uns eine erfüllte Berufung, aber sind wir bereit, die Sicherheit des Bekannten aufzugeben und den Preis der Veränderung zu zahlen? Viele wollen das Ziel, aber niemand will den Weg. Viele wollen die Erfüllung, aber niemand will loslassen.
Erwachsenes Wünschen bedeutet:
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Eindeutigkeit: Was erfüllt mein Herz wirklich (nicht mein Ego)?
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Hingabe: Den Wunsch ans Leben formulieren und das Herz dafür öffnen. Denn wo ein Wille, da ein Weg.
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Bereitschaft: Den Preis zu zahlen und die Verantwortung für die Erfüllung zu übernehmen.
Wenn wir uns so auf unsere Herzenswünsche einlassen, geschieht etwas Magisches. Es öffnet sich ein Feld. Plötzlich gehen Türen auf, wir treffen die richtigen Menschen, Seelenverwandte kreuzen unseren Weg. Das ist keine Netflix-Romanze. Das ist die Dynamik des Lebens, wenn wir aufhören, nur zu funktionieren, und anfangen, wieder zu strahlen.
Was wäre Ihr „Schnee“?
Stellen Sie sich vor, es gäbe keine Grenzen. Was wäre für Sie in diesem Jahr so groß und so bedeutsam wie der Schnee für ein sechsjähriges Mädchen?
Lassen Sie uns aufhören, es dem Jahr zu überlassen, was geschieht. Nehmen Sie Ihre Wünsche ernst. Sie sind die Sprache Ihrer Seele, die Ihnen zeigt, wo Ihr Weg hinführt. Wer wünscht, bleibt lebendig. Wer wünscht, bleibt jung.
Ich wünsche Ihnen den Mut, in diesem Jahr nicht nur Ziele zu jagen, sondern Ihren Herzenswünschen eine Stimme zu geben.