Hände, die ineinander liegen, als Sinnbild dafür, dass wir unsere Familie in uns tragen.

Ein neugeborenes Kind trägt seine älteren Geschwister in sich. Und zwar ganz körperlich, in seinen Zellen. Sogar die Kinder, die nie zur Welt kamen, sind darin aufgehoben. Das klingt kaum zu glauben, und doch ist es gut belegt.

Was in der Schwangerschaft wirklich geschieht

Während einer Schwangerschaft ist die Plazenta keine dichte Wand. Und jetzt kommt das eigentlich Erstaunliche: Der Austausch geht in beide Richtungen! Nicht nur die Mutter gibt an das Kind weiter. Auch das Kind hinterlässt Spuren in der Mutter, ganz körperlich. Seine Zellen bleiben in ihrem Körper, oft ein Leben lang, bis in Herz und Gehirn. So trägt die Mutter ihr Kind in sich, lange nachdem es erwachsen ist, und das Kind trägt die Mutter. Fachleute nennen das Mikrochimärismus.

Und der Austausch geht weiter, als man denkt. Zellen aus früheren Schwangerschaften bleiben in der Mutter und können an ein späteres Kind übergehen. So trägt ein jüngeres Kind Spuren der Älteren in sich, auch der Kinder, die früh gegangen sind oder nie geboren wurden. Selbst Zellen der Großmutter lassen sich finden. Drei Generationen, verbunden in einem einzigen kleinen Körper.

Die Ordnung ist in uns angelegt

Für mich zeigt sich hier etwas, das ich in der Aufstellungsarbeit täglich erlebe. Die Ordnung einer Familie ist in uns angelegt, bis in die Zelle. In dieser Ordnung hat jeder, der dazugehört, seinen Platz. Und die Früheren kommen vor den Späteren, auch die, die nur kurz oder nie gelebt haben.

Diese Ordnung wirkt in uns, ohne dass wir es wissen. Wer an seinem Platz steht, ist bei sich, gesammelt und ruhig. Wer auf einem fremden Platz steht, fühlt sich entfremdet und unruhig, ohne sagen zu können, warum.

Die unbewusste Suche nach dem eigenen Platz

Viele Menschen tragen ein leises Grundgefühl, nicht am richtigen Platz zu sein. Daraus wird eine unbewusste Suche, die sich durch das ganze Leben zieht. Sie zeigt sich in Partnerschaften, im Beruf und in einer Unruhe, die nie ganz aufhört. Manche füllen diese Unruhe mit immer neuen Zielen, manche mit Rückzug, manche mit Suchtmitteln. Von außen sieht man nur den ruhelosen Menschen. Der eigentliche Grund bleibt im Verborgenen.

Gerade bei jungen Menschen erklärt sich manches davon von hier aus, auch manches Suchtverhalten. Mehr dazu lesen Sie auf meiner Seite Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.

Besonders dann, wenn vor uns Kinder waren, die gegangen sind, früh, ungeboren, ungesehen, kann ein späteres Kind unbewusst mittragen, was nie einen Platz bekam. Man nennt sie manchmal Sternenkinder.

Zwei Beispiele aus meiner Praxis

Ich denke an eine Mutter, die mit zwei Söhnen zu mir kam. Beide fielen auf, in der Schule, im Verhalten, in einer Unruhe, die niemand einordnen konnte. In der Aufstellung zeigte sich, was nie ausgesprochen worden war: dass vor und zwischen den beiden Söhnen weitere Kinder waren, die nie zur Welt kamen.

Für eine Mutter ist das ein schweres Thema, für manche ein Trauma, verborgen unter Trauer, Verdrängung und Schweigen. Meist schieben wir es weit von uns weg. Diese Kinder in einer Aufstellung wirklich anzusehen und anzunehmen, ist deshalb kein kleiner Schritt. Es ist eine tiefe Seelenbewegung. Als diese Mutter sie vollzog, als sie anerkennen konnte, dass sie Mutter von mehr Kindern ist, als sichtbar waren, ordnete sich etwas im ganzen Familienfeld.

Und dann geschah, was weit über ein gutes Gespräch mit den Söhnen hinausgeht. Die beiden Jungen kamen zur Ruhe. Ihre Auffälligkeiten hatten auch die Ehe belastet. Als die Söhne ruhiger wurden, entspannte sich die Beziehung, und die ganze Familie mit ihr. Wo vorher Enge war, war plötzlich Fülle.

Das sind stille, unbewusste Bänder. Und hier schließt sich der Kreis zum Anfang: Diese Ordnung ist auch in den Söhnen angelegt, bis in die Zelle. Gerade im jüngsten Kind trägt der Körper Spuren all derer, die vor ihm waren, auch der Ungeborenen.

Ein zweites Beispiel zeigt dieselbe Dynamik von einer anderen Seite. Eine Frau kam zu mir, eine Berufskollegin, deren Praxis nicht in Gang kommen wollte. So sehr sie sich mühte, die Klienten blieben aus. In der Aufstellung rückten Kinder in die Mitte, gegen die sie sich in früheren Jahren entschieden hatte.

Auch eine Mutter trägt ihre Kinder im Körper weiter, ob sie geboren wurden oder nicht. Im Feld wurde fühlbar, dass diese Kinder eine Zuwendung von ihr brauchten. Solange sie ungesehen blieben, band das ihre Kraft. Erst als sie ihre Mutterschaft annahm und sich ihnen zuwandte, konnte sie sich auch ihren Klienten wieder zuwenden. Denn im Grunde stehen wir vor den Menschen, die zu uns kommen, wie vor unseren eigenen Kindern. Entweder wir nehmen sie an, oder wir wenden uns ab. Das gilt für mich genauso. Solche Beziehungsdynamiken lassen sich nicht teilen.

Das Gute liegt oft nah

Das Gute liegt näher, als wir denken. Es liegt in der eigenen Herkunft. Wenn sich die Ordnung wieder herstellt und die, die dazugehören, ihren Platz bekommen, kann Ruhe einkehren, auch bei denen, die vorher keine Ruhe fanden.

In einer Familienaufstellung wird fühlbar, an welchem Platz Sie stehen. Und von diesem Platz aus lässt sich das eigene Leben wieder tragen. Das ist den meisten Menschen zunächst gar nicht bewusst. Sie erleben nur die Unruhe. Und dann, im Feld, den Moment, in dem sie ankommen.

Ihr erster Schritt

Wenn Sie eine Unruhe kennen, für die es keinen Grund zu geben scheint, schauen wir gemeinsam dorthin, wo sie ihren Ursprung hat. In meiner Praxis in Berlin-Schöneberg oder per Video. Mehr über diese Arbeit lesen Sie auf meinen Seiten Familienaufstellungen und systemische Begleitung. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch.

Und zum Schluss eine Frage: Wo in Ihrem Leben suchen Sie einen Platz, der vielleicht längst in Ihrer Familie auf Sie wartet?

Dieser Beitrag ist ein persönlicher und systemischer Impuls und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Bild: Josue Michel

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