Vor einigen Jahren, noch in meinem ersten Beruf, war ich mit einer Vorgesetzten zu einem Kundentermin unterwegs. Wir waren zu früh dran, setzten uns in ein Café und unterhielten uns. Während ich ihr zuhörte, wurde mir etwas über sie bewusst, das mich berührte und das ich zunächst für mich behielt.
Am Abend saßen wir gemeinsam im Zug zurück nach Berlin. Sie hatte sich am Bahnhof eine Zeitschrift gekauft, unter anderem mit einer Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg. Da fragte ich sie, so behutsam ich konnte: "Hat Ihre Familie im Zweiten Weltkrieg jemanden verloren?" Sie war verblüfft über meine Direktheit, aber sie antwortete: Die beiden älteren Brüder ihres Vaters sind mit 16 und 17 Jahren gefallen.
Ein schweres Erbe, in Liebe getragen
Diese Frau war um die 50, ohne Partnerschaft, ohne Kinder. Auch im Beruf war sie allein. Als Vorgesetzte war sie wenig geschätzt, in Beziehungsfragen geriet sie immer wieder aneinander. Von außen sah es aus wie eine Kette persönlicher Entscheidungen und Zufälle. In meiner Arbeit sehe ich darunter oft etwas anderes.
Sie trug ein schweres Erbe ihres Vaters in sich, aus Liebe. In Liebe bieten wir uns unbewusst an, die Last unserer Eltern mitzutragen, damit es ihnen leichter werde. Nur gelingt das nie. Es ist ein Akt der Vergeblichkeit, denn als Kinder können wir das Leid unserer Eltern nicht ausgleichen. Und wo wir es dennoch versuchen, zahlen wir mit einem Stück des eigenen Lebens, oft mit Verzicht. Kein Partner und keine Kinderseele finden Zugang zur Seele eines Menschen, der bereits andere in sich trägt, um ihnen ein Stück Leben zu geben.
Diese Liebe ist eine große, bindende Kraft. Es wäre vermessen, einen Menschen von ihr wegreißen zu wollen. Und doch gibt es einen Weg, der die Liebe achtet und den Menschen zugleich freilässt.
Wenn der Vater doppelt leidet
Ich hatte meine Kollegin nie in einer Aufstellung. Aber ich weiß, was ich ihr in einem systemischen Feld zeigen würde. Ich würde sie ihrem Vater gegenüberstellen, damit ihr Herz begreift, was der Verstand nicht fassen kann.
Denn ihr Vater leidet nicht nur. Er leidet doppelt. Er trägt bis heute den Verlust seiner beiden Brüder (falls er überhaupt noch lebt). Wahrscheinlich trägt er auch den Schmerz seiner Mutter, die zwei Söhne verloren hat. Und nun trägt er noch etwas: das Leid seiner eigenen Tochter, die aus Liebe zu ihm auf ihr volles Leben verzichtet. Kein Vater wünscht sich das. Es schmerzt ihn ein zweites Mal, wenn er sieht, dass sein Kind unter dem leidet, was er weitergegeben hat.
Genau das darf die Seele in einem solchen Feld fühlen, bis es wirklich greifbar wird. Der Kopf allein reicht dafür nicht. Und aus diesem Fühlen wird eine Bewegung möglich, hin zum eigenen Leben. In einer Familienaufstellung ließe ich sie ihrem Vater sagen: "Dieses Leid lasse ich ganz bei dir. Ich achte dein Schicksal, und die Liebe bleibt."
Mit diesen Worten muss sie nicht länger neben ihrem Vater stehen und seinen Kummer eine Generation weitertragen. Sie darf sich ihrem eigenen Leben zuwenden. Und was für ein Segen wäre gerade das für den Vater. Nichts tröstet einen Vater mehr, als wenn sein Kind Ja zum Leben sagt, vielleicht sogar zu neuem Leben, zu eigenen Kindern.
Was dabei frei wird, ist die Lebensenergie, die lange gebunden war. Sie steht dann für das eigene Leben zur Verfügung.
Verstehen Sie mich nicht falsch
Jeder Mensch darf leben, wie er möchte. Glück hat viele Formen, und der freie Wille ist unantastbar. Mir geht es um etwas anderes: darum, dass wir wirklich frei entscheiden, in Kenntnis dessen, was uns unbewusst lenkt.
Denn was hier wirkte, war keine freie Wahl. Es war Wahllosigkeit. Und Wahllosigkeit macht Stress. Wer keine echte Weggabelung vor sich hat, sondern immer nur eine Sackgasse, lebt in einer stillen Daueranspannung, manchmal in schierer Panik, ohne zu wissen, warum.
Warum Beruhigung allein nicht reicht
Heute suchen viele nach Strategien, um ihr Nervensystem zu beruhigen. Das ist verständlich, und manches davon hilft im Moment. Doch die Anspannung kehrt zurück, solange ihr Grund im Verborgenen bleibt. Es geht nicht darum, ein Symptom leiser zu stellen. Es geht darum, an die Wurzel des Themas zu kommen.
Bei meiner damaligen Kollegin lag diese Wurzel bei zwei jungen Männern, die lange vor ihr gegangen waren, und bei einer Treue, die niemand von ihr verlangt hatte.
Ihr erster Schritt
Vielleicht kennen Sie das Gefühl, eine Schwere zu tragen, die sich nicht ganz wie Ihre eigene anfühlt, an unsichtbaren Grenzen, die sich mit Logik nicht erklären lassen. Wenn Sie ahnen, dass hinter wiederkehrenden Themen in Liebe und Beziehung etwas Älteres steht, schauen wir gemeinsam hin. In meiner Praxis in Berlin-Schöneberg oder per Video. Mehr dazu auf meinen Seiten Beziehungsthemen und systemische Begleitung. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch.
Und zum Schluss eine Frage: Was in Ihrem Leben wartet noch darauf, gelebt zu werden?
Dieser Beitrag ist ein persönlicher und systemischer Impuls und ersetzt keine ärztliche Behandlung.
Bild: Chris Linnett