Neulich war ich mit meinen Eltern im Kino. Ganz allein mit ihnen, ohne meine Tochter, nur wir drei. Beide sind 77. Wir waren getrennt angereist, sie mit dem Auto, ich mit der Bahn. Sie waren zuerst da. Vor dem Kino stand schon eine Traube älterer Menschen, wir wollten einen Dokumentarfilm sehen. Und mittendrin habe ich die beiden erkannt, bevor ich ein einziges Gesicht deutlich sehen konnte.
Vertont
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Ich habe diesen Beitrag für Sie eingesprochen.
Das hat mein Herz erwärmt.
Als ich bei ihnen war, erzählte mir meine Mutter, mein Vater habe mich auch schon aus einiger Entfernung erkannt. Er habe es nur mit seinem ganz eigenen Humor und in einem alten Spruch des Volksmundes zum Ausdruck gebracht: "Man erkennt seine Schweine am Gang." Bei ihm heißt das so viel wie: "Ich habe dich gesehen und ich freue mich, dich zu sehen."
Da wurde mir wieder einmal bewusst, wie fundamental die Bindung zu unseren Eltern ist.
Das war nicht immer so
Die ersten 35 bis 40 Jahre meines Lebens waren voller Konflikte. Meine Kindheit, meine Jugend, vieles dazwischen. Rückblickend muss ich mir eingestehen, wie viel Wut ich in mir trug.
Und wenn ich ehrlich bin, ließ sich diese Wut nicht nur entwicklungspsychologisch erklären, auch bei mir nicht. Sie war systemisch bedingt. In ihr und in mir wiederholte sich etwas, das lange vor mir begonnen hatte, in meiner Familie, über Generationen.
Stellen Sie sich das einmal vor. Wer innerlich voller Wut, Vorwürfe und Ansprüche gegenüber den eigenen Eltern ist, begegnet auch der Welt mit dieser Wut. Das lässt sich nicht trennen. Kein Kind entscheidet das bewusst. Es wird zu einer Grundhaltung, mit der man durchs Leben geht.
Dass ich meinen Eltern heute so begegnen kann, aus der Ferne, aus der Nähe, mit offenem Herzen, ist kein Zufall. Ich habe meine eigene Biografie angeschaut und über viele Jahre systemische Arbeit geleistet. Genau diesen Weg gehe ich heute mit den Menschen, die zu mir kommen.
Was ich immer wieder sehe
In meiner systemischen Arbeit begegnet mir ein Muster, das jeder in seinem Alltag überprüfen kann, im Kleinen wie im Großen, in Familien, in Unternehmen, zwischen Völkern: Menschen, die Konflikte anzetteln, sind meist im Unfrieden mit ihrem Ursprung. Im Unfrieden mit den eigenen Eltern. Würde man nachfragen, bekäme man dazu bestimmt eine Geschichte zu hören.
Wer mit dem eigenen Ursprung im Unfrieden ist, trägt diesen Unfrieden in die Welt.
Führen Sie sich das in Ruhe vor Augen. Wo heute Konflikte lodern, im Privaten, in Unternehmen und auf den großen Bühnen der Welt, dürfen wir dieselbe Frage stellen: Wie viel Frieden trägt ein Mensch im Herzen, der Streit sät? Und andersherum, was wäre möglich, wenn dieser Frieden wüchse? In einer Familie, in einem Unternehmen, auf diesem Planeten.
So verstehe ich meine Arbeit
Als Heilpraktikerin, als Therapeutin, als Systemikerin und Familienaufstellerin ist meine Arbeit zu einem großen Teil Friedensarbeit. Das ist mehr als eine Überzeugung. Es ist mein eigener Weg. Heute gehe ich ihn weiter und begleite andere auf ihrem Weg. Ich habe erlebt, wie viel leichter das Leben wird, wenn innen Frieden einkehrt.
Wenn wir im Herzen Frieden schließen, wird plötzlich viel frei. Unser Blick richtet sich nach vorn und erst dann merken wir, wie sehr er all die Jahre nach hinten gebunden war. Herz und Hände werden frei für das, was von vorn auf uns zukommen möchte. Und zwar Gutes. Wir schaffen ein neues Resonanzfeld.
Eingestehen müssen wir uns dabei nur eines: dass wir bis dahin mit der höchsten Währung bezahlt haben, die es gibt. Mit Lebensjahren.
Was für eine Verschwendung an wertvollen Lebensjahren!
Heute bin ich an einem Punkt, an dem ich sage: Meine Eltern sind 77 und ich möchte noch so viel Zeit wie möglich mit ihnen verbringen.
Dass dieser Wandel, diese Freiheit mehr Menschen möglich wird, ist der Antrieb meiner Arbeit.
Und wenn ich mir vorstelle, was auf unserem Planeten entstehen könnte, wenn viele diesen Weg gingen, dann wird aus einer unbedeutenden Kinobegegnung ein großer Gedanke.
Was aus diesem Frieden erwächst
Dieser Frieden mit dem Ursprung ist kein Endpunkt. Aus ihm erwächst ein Frieden nach vorn. Wer innen versöhnt ist, muss draußen weniger kämpfen. In der systemischen Arbeit hat sich vielfach gezeigt: Wer die eigenen Eltern nehmen kann, so wie sie sind, kann auch das Leben nehmen. Und wer so genommen hat, fühlt sich voll. Wer sich voll fühlt, sucht sich draußen keine Projektionsflächen mehr.
Was viele Menschen dann erleben:
- Weniger Reibung. In der Partnerschaft, mit Kolleginnen und Kollegen, mit Vorgesetzten. Der andere muss nicht mehr das Alte gutmachen, das lange vor ihm geschah.
- Mehr Gelassenheit. Wir reiben uns nicht mehr an allem und schauen zum ersten Mal wirklich nach vorn, statt immer wieder zurück.
- Ein Gefühl von Fülle. Wer sich innerlich voll fühlt, kann den eigenen Wert vertreten. Als Selbstständige beim Stunden- oder Tagessatz, als Angestellte beim Gehalt. Wer sich leer fühlt, erreicht selten die volle Wertschätzung, die ihm zusteht.
- Ein neuer Blick auf sich selbst. Wenn die Kraft nicht mehr in alten Kämpfen gebunden ist, lernen wir uns oft noch einmal ganz neu kennen.
So wird aus dem Frieden mit dem, was hinter uns liegt, ein freier Blick auf das, was vor uns liegt.
Ihr erster Schritt
Wenn Sie das Gefühl haben, dass in Ihnen noch ein alter Unfrieden wohnt, begleite ich Sie gern dabei, ihn anzuschauen und dem Frieden im Herzen Raum zu geben. In meiner Praxis in Berlin-Schöneberg oder per Video. Mehr dazu auf meinen Seiten systemische Begleitung und Familienaufstellungen. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch.
Und zum Schluss die Frage, die mich selbst begleitet: Wo in Ihrem Leben wäre mehr möglich, wenn ein alter Unfrieden zu Frieden würde?
Dieser Beitrag ist ein persönlicher und systemischer Impuls und ersetzt keine ärztliche Behandlung.
Bild: Micheile Henderson
Das Ehepaar auf dem Bild sind nicht meine Eltern.