Kind drückt einen Teddybären an sich, Sinnbild für das Krafttier, das dem Kind Schutz gibt.

Ich habe meiner Tochter zur Einschulung einen kleinen Anhänger mit einem Bären geschenkt. Pink, natürlich. Erst hing er am Schulranzen. Weil der unter der Woche in der Schule bleibt, trägt sie ihn inzwischen jeden Tag in der Hand, hin und wieder zurück. Sie nennt ihn ihren „Good Luck Charm". Sicher auch, weil er von mir kommt. Ich glaube aber, es ist noch mehr daran.

Kein Kinderzimmer ohne Bär

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass der Bär eines der Tiere ist, die über Generationen und über Ländergrenzen hinweg in den Zimmern unserer Kinder stehen? In fast jedem Bett liegt einer. Das kann kein Zufall sein.

Der Bär ist eines der stärksten Tiere, die es gibt. Er verteidigt seine Jungen, ohne zu zögern. Kinder wissen das nicht mit dem Kopf, und doch wissen sie es. Wo ein Bär ist, ist Schutz. Ein Kind, das abends den Bären an sich zieht, holt sich etwas, das größer ist als seine Angst.

Ein Bild, das die Menschheit teilt

Das ist nichts Neues, und es ist nicht nur unsere Idee. Bei den Ainu in Japan, bei den Völkern Sibiriens, bei den Samen im hohen Norden, bei den Kelten war der Bär ein heiliges Tier. Über Jahrtausende, weit voneinander entfernt, ohne dass diese Menschen je voneinander gehört hätten. Immer wieder derselbe große Beschützer.

Damit sind wir bei einem uralten Gedanken, dem der Krafttiere. In fast allen naturnahen Kulturen wurden Tiere als beseelte Begleiter erlebt, als Schutzgeister, die einen Menschen durchs Leben führen. Bei den Ureinwohnern Nordamerikas, in den schamanischen Traditionen Sibiriens und der Arktis, bei den Jägern und Sammlern überall auf der Welt. Jedes Tier stand für bestimmte Kräfte, und wer diese Kräfte brauchte, rief das Tier zu sich. Unsere Kinder wissen nichts davon. Sie tun es trotzdem.

Kinder gehen ganz intuitiv damit um

Kinder holen sich den Bären natürlich nicht als Bären ins Zimmer. Sie holen ihn sich als Kuscheltier, als kleine Figur, als Anhänger. Die modernen Fassungen sind die Held- und Actionfiguren, und ja, auch die Einhörner, von denen meine Tochter gar nicht genug bekommen kann. Alle stehen für Eigenschaften, die ein Kind sich damit zu sich holt.

Und sie wechseln. Mal liegt der Bär obenauf, dann wird er beiseitegelegt, und die Schildkröte ist dran, die Katze, der Hund. Ein Kind drückt sie sich der Reihe nach ans Herz, ganz aus dem Gefühl heraus. Das ist ein zutiefst intuitiver, emotionaler Umgang mit Krafttieren, lange bevor jemand ein Wort dafür hat.

Das Tier, das ein Kind wählt, steht für eine Eigenschaft, die im Moment gefragt ist, für das, was das Kind gerade für seine Entwicklung braucht. Der Bär steht für Schutz und für die Kraft, sich zu wehren. Das Pferd für Bewegung und Weite. Die Eule für den Blick im Dunkeln. Kinder brauchen dafür keine Theorie. Sie leben eine Weisheit, die wir Erwachsenen uns später mühsam wieder erarbeiten. Mehr über diese besondere Wahrnehmung bei Kindern lesen Sie auf meiner Seite Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.

Wofür der Bär steht

Beim Bären geht es um Mut, Stärke und Schutz. Deshalb kommt er gerade in Zeiten des Übergangs. Meine Tochter geht jetzt zur Schule, und die Mama sitzt nicht neben ihr in der Klasse. Also holt sie sich den Bären an ihre Seite. Er gibt Mut und die Kraft, sich auf ein neues Umfeld einzulassen.

Der Bär reicht bis an den Himmel. Der Große Bär ist eines der wichtigsten Sternbilder, und er weist den Weg zum Polarstern, jenem festen Punkt, an dem sich Seefahrer über Jahrhunderte orientiert haben. Ein Bild, das gut passt: Der Bär gibt Halt und Orientierung. Er gilt als Schutzpatron der Kinder, des Waldes und der Natur.

Wer mag, kann bei einem bestimmten Tier nachschlagen, wofür es steht. Jeanne Ruland hat in ihrem Buch „Krafttiere begleiten dein Leben" über 140 Tiere und ihre Bedeutung zusammengetragen. Den Bären beschreibt sie als Rückbindung an die Natur und als Kraft der Selbstentdeckung, ein Tier, das uns daran erinnert, „die Süße des Lebens" zu suchen und zu genießen, man denke an den Honig.

Zum Bären gehört noch etwas, das gut zu einem Schulanfang passt: das Harmonisieren unserer Kräfte im Wechsel der Jahreszeiten. Er zieht sich in den Winterschlaf zurück und kehrt im Frühjahr wieder. Er lebt den natürlichen Wechsel von Anspannung und Entspannung. Vielleicht holen Kinder ihn sich gerade deshalb, wenn ein neuer Abschnitt beginnt und viel von ihnen verlangt. Bei Ihrem Kind mag es ein anderes Tier sein. Jedes bringt seinen eigenen Rhythmus mit.

Was wir zurücklernen dürfen

Wir Erwachsenen halten Krafttiere gern für esoterischen Quatsch. Dabei machen unsere Kinder uns vor, dass an diesem Zugang nichts verkehrt ist. Wir haben ihn nur verloren, diesen intuitiven Draht zur Natur, den frühere Kulturen ganz selbstverständlich pflegten. Wo Tiere einst heilige Begleiter waren, sehen wir heute Symbole und lächeln darüber.

Man kann von Krafttieren halten, was man möchte. Tiere haben Eigenschaften, das lässt sich nicht wegdiskutieren, und diese Eigenschaften sprechen zu uns. Man kann sich einen ganzen inneren Stall an Tieren vorstellen und in einer schwierigen Lage bewusst eines rufen. Den Falken für die Schnelligkeit. Den Adler für den Überblick. Den Bären für Mut, Stärke und Schutz. Das ist kein Zauber. Es ist ein Bild, das eine Kraft weckt, die längst in uns liegt. Der Bär macht das Kind nicht stark. Er erinnert es an eine Stärke, die es schon hat.

Genau darum geht es in meiner Arbeit oft. Menschen dorthin zu führen, wo ihre eigene Kraft schon wohnt und nur verschüttet ist. Manchmal reicht dafür ein Bild.

Ihr erster Schritt

Vielleicht haben Sie schon beim Lesen das Gefühl, welche Kraft Ihnen gerade guttäte. Ruhe, Schutz, Mut, Weite. Wenn Sie dem nachgehen möchten, schauen wir gemeinsam, was Sie trägt und was Sie wieder erreichen dürfen, in meiner Praxis in Berlin-Schöneberg oder per Video. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch.

Und zum Schluss eine Frage: Welches Tier bräuchten Sie gerade, oder welche seiner Eigenschaften?

Dieser Beitrag ist ein persönlicher und systemischer Impuls und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Buchhinweis: Jeanne Ruland, „Krafttiere begleiten dein Leben", Schirner Verlag.

Bild: Sandra Gabriel

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