Ein Kind pustet eine Pusteblume, Sinnbild für Loslassen und Zutrauen.

Es ist Abend, und die Gedanken kreisen. Ob die Tochter im neuen Job zurechtkommt. Ob die Eltern gesund bleiben. Ob das Ersparte reicht, wenn alles teurer wird. Wir sorgen uns, und wir tun es aus Liebe. Sorge fühlt sich an wie Fürsorge, wie ein Beweis, dass uns die Menschen und die Dinge am Herzen liegen. Und doch lohnt sich ein zweiter Blick. Denn so gut sie gemeint ist, so oft bewirkt die Sorge das Gegenteil von dem, was wir uns wünschen.

Ich möchte Sie einladen, mit mir behutsam hinter diesen Vorhang zu schauen. Es geht nicht um einen Vorwurf, die Sorge ist zutiefst menschlich. Es geht darum, zu verstehen, was sie mit uns tut und mit den Menschen, die wir lieben.

Jemandem sein Schicksal zumuten

Wenn wir uns um einen Menschen sorgen, meinen wir es gut. Und doch geschieht dabei etwas Feines. Wir trauen ihm sein eigenes Leben ein Stück weit nicht zu. Wir verhalten uns, als wäre er zu schwach, um seinen Weg selbst zu tragen. Das kommt aus Liebe, und trotzdem macht es ihn kleiner, als er ist.

Es gibt einen alten Satz dafür, dem anderen sein Schicksal zuzumuten. Das klingt hart und meint das Gegenteil: „Ich traue dir zu, dass du das Deine tragen kannst." Diese Haltung hat nichts mit Wegsehen zu tun. Sie ist tiefer Respekt. Wenn wir einem Menschen sein Leben zutrauen, lassen wir ihn groß werden. Wenn wir uns an seiner Stelle sorgen, halten wir ihn klein.

Unsere Kinder ins Leben lassen

Bei den eigenen Kindern ist das am schwersten. Die Sorge um sie ist grenzenlos, und sie ist richtig. Nur trägt sie oft einen leisen Wunsch in sich: dass die Kinder es so machen wie wir, oder so, wie wir es für sicher halten. Doch Kinder finden ihren Weg über eigene Erfahrungen, eigene Umwege und, ja, auch eigene Fehler.

Manchmal lohnt die stille Frage: Habe ich mein Kind schon wirklich ins Leben gelassen? Oder halte ich es, ohne es zu wollen, noch ein wenig fest? Zutrauen ist eines der größten Geschenke, das wir ihm mitgeben können. Es sagt: „Ich glaube an dich."

Mehr über diese Begleitung lesen Sie unter Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.

Die Angst vor dem Morgen

Kaum etwas beschäftigt uns gerade so sehr wie die Zukunft. Wir stehen mitten in einem großen Umbruch, und das schlägt sich nieder. In der jährlichen R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen" führen seit Langem die Sorgen ums Geld und um die Lage der Welt, steigende Lebenshaltungskosten treiben mehr als jeden Zweiten um. Die Sorge um das Morgen ist also nichts Persönliches, sie liegt in der Luft.

Wenn wir uns um unsere eigene Zukunft sorgen, fürchten wir meist, etwas zu verlieren. Hier helfen ein paar ehrliche, auch unbequeme Fragen:

  • Die Frage nach der Rechtmäßigkeit. Haben wir das, was wir besitzen, auf gutem Weg erworben? Oder ruht darauf etwas Ungeklärtes, das uns heute unruhig macht und uns den nächsten Schritt nicht gehen lässt, weil uns von hinten noch etwas bindet?
  • Die Frage nach dem Motiv. Sind wir einer Vorstellung von Glück gefolgt, die uns im Grunde gar nicht erfüllt? Macht uns das, was wir haben und tun, wirklich zufrieden?
  • Die Frage nach der Entscheidung. Steht vielleicht gerade ein Schritt an, vor dem wir uns drücken? Manchmal sind Sorgen der Staub, den wir aufwirbeln, um den nächsten Schritt nicht sehen zu müssen.
  • Die Frage nach dem Warten. Worauf warten wir eigentlich? Auf eine Erlaubnis, auf eine Zustimmung, auf den richtigen Moment? Oder auf einen Impuls von innen, dem wir dann auch folgen dürfen?

Denn wer sich um die Zukunft sorgt, bleibt oft stehen. Er wartet, dass es sicher wird, bevor er losgeht, und verpasst darüber das Heute.

Vom Sorgen zum Wirken

Was haben wir heute zu geben, damit das Morgen gut werden kann? Wer sich sorgt, bleibt im Warten. Der Blick geht auf das, was fehlen könnte, und nicht auf das, was wir einbringen und erreichen können. Die alten Fragen drehen sich im Kreis: Wird das gut? Verliere ich etwas? Was bleibt?

Im Grunde wünschen wir uns alle Klarheit. Meine Erfahrung mit dem Leben ist eine andere. Das Leben gleicht oft einem Nebel. Manchmal lichtet er sich, gerade so weit, dass wir den nächsten Schritt erkennen. Dann zieht er wieder zu, und das große Ganze bleibt verborgen. Das ist das Leben. Und immer wieder kommt etwas auf uns zu, worauf wir antworten müssen.

Größe entsteht im Tun. Sie wächst, wenn wir dem Impuls von innen folgen und den Schritt wagen, sobald sich der Nebel lichtet, auch ins Ungewisse. Dafür dürfen wir uns ganz einbringen und die Verantwortung für unser Handeln übernehmen. Wenn wir den Vorhang heben, sehen wir: Hinter der Sorge wartet das Vertrauen in das Leben, so wie es ist.

Ihr erster Schritt

Am Ende wünsche ich mir für Sie, dass Sie sich weniger sorgen. Nicht aus Gleichgültigkeit, im Gegenteil. Weil Zutrauen wachsen lässt, wo die Sorge klein hält, Sie selbst und die Menschen, die Ihnen wichtig sind.

Wenn Sie eine Sorge kennen, die Sie mehr festhält als trägt, schauen wir gemeinsam hin, was darunter liegt, in meiner Praxis in Berlin-Schöneberg oder per Video. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch. Mehr über diese Arbeit lesen Sie unter systemische Begleitung.

Und zum Schluss eine Frage: Wo in Ihrem Leben könnten Sie heute die Sorge durch ein leises „Ich traue es dir zu" ersetzen?

Dieser Beitrag ist ein persönlicher und systemischer Impuls und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Bild: Chiara David

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