„Wie flexibel sind Sie?" Diese Frage fällt in fast jedem Bewerbungsgespräch. Gemeint ist meistens: Können Sie auch samstags, können Sie umziehen, können Sie kurzfristig einspringen. Mir ist neulich aufgegangen, dass wir damit die falsche Flexibilität messen.
Flexibilität ist eine emotionale Größe
Ob ein Mensch wirklich beweglich ist, entscheidet sich nicht am Kalender. Es entscheidet sich viel weiter innen. Kann ich mich auf Neues einlassen? Kann ich loslassen, was lange gegolten hat? Kann ich etwas verabschieden, das vorbei ist? Und kann ich das, was dabei hochkommt, zu Ende fühlen?
Diese Fragen entscheiden darüber, ob jemand einen Umbruch übersteht. Und wir stehen mitten in einem. Ganze Lebensentwürfe fallen zusammen wie Kartenhäuser. Berufe, die vor fünf Jahren noch sicher schienen, werden gerade neu bewertet. Wer da nur zeitlich verfügbar ist, aber innerlich starr, gerät ins Wanken.
Was die Psychologie darüber weiß
Die Forschung kennt dieses Phänomen. Steven Hayes, der Begründer der Akzeptanz- und Commitmenttherapie, nennt es psychische Flexibilität: die Fähigkeit, offen zu fühlen und zu denken, auch wenn es unangenehm wird. Das Gegenteil nennt er psychische Starrheit. Sie behandelt das Leben als Problem, das man lösen muss, statt als Prozess, den man durchlebt.
Diese Unterscheidung trifft etwas Wichtiges. Ein Mensch, der jedes schwierige Gefühl sofort wegschaffen will, wird eng. Ein Mensch, der es aushalten und durchleben kann, bleibt beweglich. Er bleibt es, weil er sich selbst nicht im Weg steht.
Neunzig Sekunden, und die Kunst der Annahme
Warum fällt uns das so schwer? Weil wir Angst vor unseren Gefühlen haben und sie am liebsten sofort wegdrücken. Dabei ist ein Gefühl eine Welle, die von allein wieder abebbt. Die Hirnforscherin Jill Bolte Taylor hat beschrieben, dass die körperliche Reaktion auf ein Gefühl, der ganze Schwall an Botenstoffen, nach etwa neunzig Sekunden durch den Körper gelaufen ist. Was danach bleibt, halten wir mit unseren Gedanken selbst am Leben, indem wir grübeln, uns wehren, die Geschichte immer weiter erzählen.
Die eigentliche Kunst liegt in der Annahme. Ein Gefühl durch sich hindurchlaufen zu lassen und es als das zu nehmen, was gerade da ist. Denn Gefühle sind Hinweise. Der Körper spricht den ganzen Tag mit uns, und wer seine Sprache lesen lernt, hat eine Übersetzungshilfe fürs Leben. Mehr dazu in meinem Beitrag Körper als Landkarte.
In meinem Ansatz gehe ich diesen Weg bewusst: erst fühlen, dann verstehen, dann loslassen, dann verändern. Was wir nicht fühlen, können wir nicht loslassen. Und was wir wegdrücken, drückt von innen weiter. Mehr dazu unter Mein Ansatz.
Loslassen, einlassen, zulassen
Es gibt einen schönen Dreiklang, an dem sich echte Flexibilität zeigt. Loslassen, was war. Sich einlassen auf das Neue. Und zulassen, was dabei in uns hochkommt. Drei Formen des Lassens, und jede verlangt etwas anderes.
Wir reden gerade viel über Transformation und Wandel in Unternehmen. Über Strukturen, Prozesse, Werkzeuge. Die eigentliche Frage stellt sich aber selten: Können die Menschen wirklich loslassen, was vorbei ist? Können sie sich auf das Neue einlassen, ohne sich innerlich dagegen zu stemmen? Und können sie zulassen, was der Umbruch in ihnen auslöst, die Verunsicherung, die Trauer, die Angst?
Es lohnt sich, ehrlich hinzuschauen, an welchem dieser drei wir hängenbleiben. Der eine kann loslassen, aber sich auf nichts Neues einlassen. Die andere lässt sich auf alles ein und lässt nie zu, was es sie kostet. Und alle drei ruhen auf derselben Fähigkeit, der emotionalen Flexibilität. Ohne sie wird jeder Wandel zur Fassade.
Beweglich bis ins hohe Alter
Emotionale Flexibilität ist keine Frage des Alters. Ich sehe in meiner Praxis Menschen von vierzig, die innerlich längst versteinert sind, an einem Bild von sich festhalten, das nicht mehr trägt, und jede Veränderung als Bedrohung erleben. Und ich sehe Menschen von achtzig, die noch immer neugierig sind, die sich rühren lassen, die Neues an sich heranlassen.
Der Unterschied liegt nicht in den Jahren. Er liegt darin, ob ein Mensch mit dem, was das Leben bringt, in Bewegung bleibt oder sich dagegen verhärtet. Die tiefste Form der Beweglichkeit ist die Zustimmung zu dem, was ist. Wer dem Leben zustimmen kann, auch dem Schweren, bleibt lebendig. Wer sich dagegen stemmt, altert innerlich, lange bevor der Körper es tut.
Was das für Führung bedeutet
Für Menschen in Verantwortung ist das keine Nebensache. Wer ein Team durch einen Umbruch führt, führt es nicht mit dem Terminplan, sondern mit der eigenen inneren Beweglichkeit. Ein Mensch, der selbst loslassen und zulassen kann, nimmt anderen die Angst vor der Veränderung. Ein Mensch, der innerlich verkrampft, überträgt die Enge auf alle um sich herum. Mehr über diese Arbeit finden Sie auf meiner Seite Für Führungskräfte.
Ihr erster Schritt
Wenn Sie merken, dass Sie nach außen zu allem bereit sind und innerlich doch festhalten, schauen wir gemeinsam, was gerade loslassen möchte, in meiner Praxis in Berlin-Schöneberg oder per Video. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch.
Und zum Schluss eine Frage: Wie flexibel sind Sie, wenn niemand nach Ihrem Kalender fragt?
Dieser Beitrag ist ein persönlicher und systemischer Impuls und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.
Bild: Ethan Sykes