Paar von hinten im weichen Licht, Sinnbild für freie Liebe nach dem zweiten Blick

Die Liebe auf den ersten Blick ist wunderbar, diese sofortige Hinbewegung zu einem Menschen, als hätten wir immer schon auf ihn gewartet. Und doch ist sie oft gebunden, an etwas, das älter ist als wir selbst. Viele Beziehungen scheitern immer wieder an derselben Stelle, und kaum jemand versteht, warum. In diesem Beitrag erzähle ich, was ich in meiner systemischen Arbeit dahinter sehe, warum wir uns oft in ein Muster verlieben statt in einen Menschen, und wie aus der Liebe auf den ersten Blick eine wird, die bleibt.

Die Liebe auf den ersten Blick

Wir feiern die Liebe auf den ersten Blick, und sie ist auch wunderbar. Und doch habe ich in meiner Arbeit gelernt, genauer hinzuschauen. Denn zwei Menschen können sich von Herzen lieben und landen trotzdem immer wieder im selben Graben.

Mir wurde das in einer Familienaufstellung besonders deutlich. Ich arbeitete für eine Frau, die unter den Spannungen mit ihrem Mann litt. Im Feld zeigte sich etwas Berührendes: In ihr war die alte Bewegung zum Vater noch offen. Sie suchte, ohne es zu wissen, bis heute seine Liebe und Anerkennung. Bei ihrem Mann war es die Mutter.

Das heißt: Wenn die beiden stritten, sprachen im Grunde nicht Mann und Frau miteinander. Es sprachen eine Vaterwunde und eine Mutterwunde. Der Vater der Frau verhandelte mit der Mutter des Mannes. Kein Wunder, dass solche Konflikte selten gut ausgehen. Selbst wenn der Streit beigelegt wird, bleibt ein Hunger, ein Gefühl, nicht wirklich genährt zu sein. Denn die Sehnsucht galt nie ganz dem Partner. Sie galt einem Elternteil.

Genau so wirkt die Liebe auf den ersten Blick. Sie zieht uns zu einem Menschen, in dem wir unbewusst das Alte wiederfinden, und schickt uns in dieselben Kämpfe wie eh und je.

Wir verlieben uns, und unbewusst wiederholen wir. Wir tragen weiter, was in unserem Familiensystem unerlöst blieb. Wir suchen den Vater im Partner, die Mutter in der Geliebten, die Erlösung in der Beziehung.

Wenn wir uns in ein Muster verlieben

In meiner Arbeit sehe ich das oft. Ein Mensch verliebt sich immer wieder in denselben Typ, gerät in dieselben Konflikte, erlebt dieselbe alte Enttäuschung. Das ist kein Pech und keine schlechte Wahl. Es ist eine Bewegung, die tiefer reicht, als der Verstand ahnt.

Denken Sie an eine Frau, die als Kind um die Nähe ihres Vaters gerungen hat. Als Erwachsene zieht es sie immer wieder zu Männern, die sich entziehen. Sie will das nicht. Ein Teil in ihr möchte die alte Geschichte doch noch gut ausgehen lassen. Also sucht sie unbewusst genau die Situation, in der sie einst verloren hat, in der Hoffnung, diesmal zu gewinnen.

Liebe aus Verstrickung erschöpft sich

Liebe, die aus einer Verstrickung kommt, erschöpft sich. Sie will heilen, was einst verletzt wurde, und bleibt dabei selbst gebunden. Wir lieben dann nicht ganz den Menschen vor uns. Wir lieben das, was wir in ihm suchen.

Solange das so ist, tragen wir eine schwere Erwartung in jede Beziehung. Der andere soll retten, beweisen, wiedergutmachen, was lange vor ihm geschah. Kein Mensch kann das erfüllen. Und so zerbricht oft, was mit großen Gefühlen begann.

Der Ausweg liegt nicht in mehr Anstrengung. Er liegt an der Wurzel. Dort dürfen wir die alte Bewegung nachholen, die in uns nach vorn drängt. Erst dann kann eine Partnerschaft wirklich gelingen.

Die Liebe auf den zweiten Blick

Die Liebe auf den zweiten Blick ist die, die bleibt, weil sie frei ist. Weil sie nicht mehr retten, beweisen oder wiedergutmachen muss. Weil sie das Vergangene gesehen hat und im Jetzt ankommt.

Sie ist die schönere. Weil sie den anderen wirklich sieht und nicht das, was wir in ihm suchen. Sie erkennt, was ist, und bleibt, weil sie wahr geworden ist.

Die Liebe auf den ersten Blick will oft erlösen, etwas gutmachen, das lange vor dem Partner geschah. Die Liebe auf den zweiten Blick will das nicht mehr. Sie will Erfüllung. Aus ihr kann Neues wachsen, eine tragende Partnerschaft, manchmal bis zum gemeinsamen Kinderwunsch.

Wie der zweite Blick entsteht

Dieser zweite Blick entsteht, wenn wir sehen, was unter unseren Gefühlen wirkt. Im systemischen Familienstellen machen wir sichtbar, was sich als Liebe tarnt, obwohl es Bindung war. Wir geben dem Alten seinen Platz, würdigen, was in der Familie unerlöst blieb, und lösen die Treue, die uns nach hinten bindet.

Dann wird etwas frei. Die Sehnsucht muss nicht mehr im Partner nach der Mutter oder dem Vater suchen. Die Liebe darf dem Menschen gelten, der wirklich vor uns steht.

Ihr erster Schritt

Wenn Sie merken, dass sich in Ihren Beziehungen immer wieder dasselbe zeigt, schauen wir gemeinsam hin, was darunter wirkt. In einer Familienaufstellung oder in der Einzelbegleitung, in meiner Praxis in Berlin-Schöneberg oder per Video. Mehr dazu auf meinen Seiten Familienaufstellungen und systemische Begleitung. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch.

Und zum Schluss eine Frage: Lieben Sie gerade den Menschen vor Ihnen, oder das, was Sie in ihm suchen?

Dieser Beitrag ist ein persönlicher und systemischer Impuls und ersetzt keine ärztliche Behandlung.

Bild: KaLisa Veer

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