Beim letzten Umzug war der Transporter nur für ein paar Stunden gemietet. Irgendwann stand ich vor einem Möbelstück, das mir wirklich etwas bedeutet, und dachte: Wenn da jetzt ein Kratzer reinkommt, ist es eben so. Eine Stunde vorher hätte ich das nie gedacht.
Je weniger Zeit, desto weniger Gefühl
Seitdem sehe ich es überall. Je weniger Zeit wir haben, desto weniger sind wir im Gefühl. Das ist kein Tausch, den man bewusst beschließt. Es geschieht von selbst. Der Druck schaltet etwas ab, das eigentlich mitreden sollte.
Ein Möbelstück ist harmlos. Aber die meisten Entscheidungen, die wir unter Druck treffen, sind es nicht. Sie betreffen Menschen, Wege, ganze Lebensabschnitte. Und wir treffen sie im selben Zustand, in dem mir der Kratzer plötzlich egal war.
Was ich in der Praxis beobachte
Ich sehe es bei den Menschen, die zu mir kommen. Der Kalender ist voll, die Abgabe steht, drei Entscheidungen wollen bis Freitag getroffen sein. Und dann trifft man sie. Schnell, sauber begründet, mit guten Argumenten. Nur hat sie niemand zu Ende gefühlt.
Wochen später wundert man sich über das Ergebnis. Über den Widerstand im Team, über die Kündigung, die niemand kommen sah, über die eigene Erschöpfung. Dabei war die Entscheidung doch durchdacht. Durchdacht schon. Durchgefühlt nicht. Und genau das rächt sich, weil ein Mensch nun einmal mehr ist als sein Verstand.
Warum das Gefühl kein Luxus ist
Das Gefühl ist keine weiche Zugabe zur eigentlichen Analyse. Es ist ein eigener Zugang zur Wirklichkeit. Es weiß, ob etwas stimmig ist, lange bevor wir es begründen können. Wenn wir es überspringen, treffen wir Entscheidungen, die auf dem Papier aufgehen und im Leben nicht.
In meinem Ansatz kommt das Fühlen vor dem Verstehen, nicht danach. Was wir nicht zu Ende gefühlt haben, holt uns später ein, im Körper, in den Beziehungen, in der Erschöpfung, die sich einstellt, wenn wir lange gegen unser eigenes Empfinden entschieden haben. Der Körper führt Buch. Jede Entscheidung, die gegen das eigene Empfinden fällt, hinterlässt eine kleine Spannung, und viele davon summieren sich mit der Zeit zu einer Last, die keiner mehr einer einzelnen Ursache zuordnen kann. Mehr dazu unter Mein Ansatz und, wenn die Erschöpfung schon da ist, unter Burnout und Erschöpfung.
Die eine Frage, die keine Intelligenz beantwortet
Für vieles ist Intelligenz genau das Richtige, ob menschlich oder künstlich. Sie ordnet, sie rechnet, sie wägt ab. Nur die Frage, ob mir etwas guttut, kann sie nicht beantworten. Weder die eine noch die andere. Diese Frage lässt sich nicht berechnen. Sie lässt sich nur fühlen, und dafür braucht es die eine Sache, die uns im Druck als Erstes abhandenkommt: Zeit. Für Menschen in Verantwortung ist das eine leise, aber ernste Führungsfrage. Mehr dazu auf meiner Seite Für Führungskräfte.
Einer Entscheidung die Zeit geben
Man kann dem etwas entgegensetzen, auch in einem vollen Kalender. Kaufen Sie sich vor einer wichtigen Entscheidung einen Moment. Eine Nacht Schlaf. Einen Gang um den Block. Ein paar ruhige Atemzüge, bevor Sie zusagen. Und stellen Sie neben die Frage, ob etwas richtig ist, die zweite Frage: Wie fühlt es sich an? Oft weiß der Körper die Antwort schon, bevor der Kopf sie begründen kann. Diese kleine Pause kostet Minuten und erspart manchmal Wochen.
Ihr erster Schritt
Wenn Sie merken, dass Sie viele Entscheidungen im Schnelldurchlauf treffen und die Folgen Sie später einholen, schauen wir gemeinsam auf das, was unter dem Druck nicht mitreden durfte, in meiner Praxis in Berlin-Schöneberg oder per Video. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch.
Und zum Schluss eine Frage: Wie viele Ihrer Entscheidungen in dieser Woche hatten die Zeit, die sie gebraucht hätten?
Dieser Beitrag ist ein persönlicher und systemischer Impuls und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.
Bild: Erda Estremera