Ein Kind erkundet versunken eine Pfütze, Sinnbild für die gedehnte Zeit der Hingabe im Hier und Jetzt.

Wir sagen, wir hätten keine Zeit. Wir sparen sie, gewinnen sie, verlieren sie. An unserer Sprache lässt sich ablesen, was mit der Zeit geschehen ist. Sie ist zu Geld geworden.

Wie aus Zeit eine Währung wurde

Zeit ist eine Erfindung. Der Mensch hat sie eingeteilt, in Stunden, in Minuten, irgendwann sogar in Sekunden. Seit dem 19. Jahrhundert gibt die Uhr den Takt vor. Die Eisenbahn brauchte sie, damit die Fahrpläne zusammenpassten. Die Fabrik brauchte sie, um Arbeit in Stunden abzurechnen. Seither tragen wir sie am Handgelenk und in der Tasche, und sie ist uns so nah gekommen wie der eigene Puls.

Der Sekundenzeiger hat etwas mit uns gemacht. Wer auf ihn schaut, wird schneller. Der Atem wird kürzer, die Schritte auch. Und am Ende des Tages sagen wir den Satz, den alle sagen: „Ich habe keine Zeit."

Dazu kommt ein zweiter Satz, den jeder kennt. Zeit ist Geld. Damit ist die Zeit zu einer Währung geworden, und was in dieser Währung zählt, ist Leistung. Geld ist ein materielles Gut, und weil wir die Zeit mit ihm gleichgesetzt haben, haben wir auch sie zu Material gemacht. Geld rinnt schnell durch die Finger, also musste die Zeit in immer feinere Einheiten messbar werden, bis hinunter zur Millisekunde, in der an der Börse ein Vermögen den Besitzer wechselt. Je feiner wir sie vermessen, desto schneller rennt sie uns davon.

Die Abhängigkeit von der messbaren Zeit ist zu einer kollektiven Sucht unserer Tage geworden, und sie ist zugleich eine der größten Illusionen, denen wir erliegen.

Sie treibt uns an, bis der Körper irgendwann Stopp sagt. Sie führt uns in eine Sackgasse, in der alles effizient läuft und wenig noch einen Sinn ergibt. Wer mir mit Erschöpfung oder einem Burnout gegenübersitzt, hat diesen Takt oft über Jahre gehalten, bis auf die Frage, wofür eigentlich, keine Antwort mehr kam.

Momo und die grauen Herren

Michael Ende hat darüber ein ganzes Buch geschrieben. In „Momo“ stehlen die grauen Herren den Menschen die Zeit. Sie überreden sie, jede Minute zu sparen, hektischer zu werden, effizienter, und je mehr die Menschen sparen, desto weniger Zeit haben sie. Am Ende hasten alle durch ein graues Leben und wissen nicht mehr, wofür.

Das Buch ist über 50 Jahre alt und trifft uns heute genauer als damals. Denn die Frage, die es stellt, ist unsere geworden: Was nährt uns eigentlich?

Wir verlieren uns im Binge-Watching, wir scrollen durch Instagram, bis der Abend vorbei ist. Für einen Moment vergessen wir die Zeit. Aber genährt fühlen wir uns danach nicht. Es ist kein Abschalten. Es ist eher eine Art Lärm, der von innen wegführt. Wir sammeln noch mehr Bilder, noch mehr Informationen, werden innerlich noch voller und müssen all das erst wieder verarbeiten.

Statt uns zur Ruhe zu bringen, trägt es uns weit weg von dem einen Ort, an dem das Leben stattfindet. Vom Hier und Jetzt.

Kinder machen sich ihre Zeit

Sehen Sie einem Kind zu, das am Fenster einen Käfer beobachtet. 20 Minuten, eine halbe Stunde, ganz versunken. Für das Kind ist das keine verlorene Zeit. Es ist vollkommen eins mit dem, was es tut.

Kinder leben im Hier und Jetzt. Sie denken nicht an gestern und nicht an morgen, und sie wissen von Stunden und Minuten noch nichts. Ein einziger Nachmittag kann sich dehnen, bis er endlos wird, weil so viel Neues in ihn hineinpasst. Kinder spielen ohne Zweck. Sie wollen mit dem Käfer nichts erreichen.

Gerade aus dieser Absichtslosigkeit entsteht das, wonach wir Erwachsenen so suchen: Sinn und Erfüllung.

Beobachten Sie, wie ein Kind nach einem langen Tag voller Spiel aussieht. Müde vielleicht, aber nicht ausgelaugt. Es wurde von seiner Zeit genährt. Zwischen dem Kind und dem, was es tut, ist etwas hin und her geflossen, ein Austausch. Genau das fehlt uns, wenn wir abends leer auf dem Sofa sitzen.

Wir tragen ein enges Zeitkorsett. Unser Kalender ist in Viertelstunden geteilt, ein Termin schiebt den nächsten.

Das Kind hat den Tag. Erwachsene haben die Uhr.

Chronos und Kairos

Es gibt nämlich noch eine andere Zeit, und die kennen Sie auch.

Es ist die Zeit, in der wir die Zeit vergessen.

Schon die Griechen hatten dafür ein eigenes Wort. Chronos nannten sie die messbare Zeit der Uhr, gleichförmig und unbestechlich. Kairos nannten sie den erfüllten Augenblick, der sich in keine Einheit fassen lässt.

Kairos erleben wir immer dann, wenn wir eine Sache wirklich lieben. Eine halbe Stunde am Klavier, im Garten, über einer Idee, die uns erfüllt, und plötzlich ist der halbe Tag vergangen. Wenn wir einen Menschen lieben und ihm gegenübersitzen, dehnt sich die Zeit auf dieselbe Weise. Je mehr wir eins sind mit dem, was wir gerade tun, desto mehr schwindet die „kleine", messbare Zeit. In diesem Einssein liegt etwas zutiefst Heilsames. Der schöpferische Mensch weiß das, das Kind weiß es auch.

Zeit hat man nicht. Zeit macht man.

Und wer davon leben muss?

Jetzt höre ich die Einwände der viel beschäftigten Menschen. Ein Kind muss mit dem Käfer nichts verdienen. Wir schon. Ist die gedehnte Zeit also ein Luxus für die, die frei sind, während für alle anderen die Uhr unerbittlich weiterläuft?

So einfach ist es nicht. Auch in ein Projekt können wir uns versenken, aufschauen und feststellen, dass es Abend geworden ist. Die gedehnte Zeit ist uns nicht verwehrt, nur weil wir arbeiten. Und doch gehen wir an manchen Abenden ausgelaugt nach Hause und an anderen erfüllt. Der Unterschied liegt in dem, was in den Stunden zusammengekommen ist.

Im Projekt sind wir selten wirklich zweckfrei und ohne Absicht bei der Sache. Wir erwarten Output, sind gedanklich beim Ergebnis, beim nächsten Punkt, in der Zukunft. Das Kind dagegen ist mit dem ganzen Herzen im Moment. Damit eine Arbeit uns nährt und nicht leert, braucht es aus meiner Sicht also dreierlei:

Dass wir uns ihr hingeben und die Zeit über ihr vergessen. Dass wir mit dem Herzen dabei sind und die Sache lieben. Und dass wir sie für sinnvoll halten. Fehlt eines davon, bleibt am Ende die Leere, so viele Stunden wir auch hineingelegt haben.

Kommen diese drei aber zusammen, verändert sich, was wir am Abend fühlen. Wir dürfen dann körperlich müde sein, ausgelaugt von einem langen Tag, und trotzdem mit Freude und einem stillen Wohlgefallen auf unser Tagwerk schauen. Das ist noch einmal eine eigene Qualität. Wir ehren die Zeit, die wir mit Hingabe, mit Herz und für etwas Sinnvolles gegeben haben. Diese Müdigkeit ist eine andere als die des grauen Hastens. Denn die Zeit und das, was wir in ihr taten, haben uns erfüllt, uns satt gemacht.

Wenn das Enge weit wird

In der gedehnten Zeit selbst verändert sich noch etwas: Das Enge wird weit. Was eben noch unmöglich schien, tritt zurück, und dahinter kommen Möglichkeiten zum Vorschein, die vorher keinen Platz hatten.

Sie müssen dafür nicht in Klausur gehen oder auf ein großes Erlebnis warten. Es genügt, im Alltag eine einzige Frage zu stellen. Wo bin ich noch ganz dabei, mit dem Herzen, so wie das Kind am Fenster? Und wo läuft nur die Uhr?

Wer die Zeit wieder macht, wird von ihr nicht länger getrieben. Er gibt ihr selbst die Richtung zurück.

Wenn Sie das Gefühl kennen, immer schneller zu werden und dabei innerlich leerer, und Sie möchten dem nachgehen, dann ist ein erstes Gespräch ein guter Anfang. Es kostet Sie nichts außer einer halben Stunde. Sie finden es auf meiner Seite, das kostenfreie Orientierungsgespräch.

Wann haben Sie zuletzt erlebt, dass sich die Zeit gedehnt hat, weil Sie mit dem Herzen dabei waren?

Dieser Beitrag ist ein persönlicher und systemischer Impuls und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Bild: Andre Taissin

Haltungsfragen, direkt in Ihr Postfach

Texte wie die auf dieser Seite, dazu Gedanken, die es nicht auf die Website schaffen. Über Familien, über Führung, über den Körper, der irgendwann Stopp sagt. Nie mehr als einmal pro Woche. Abmelden mit einem Klick.

Wenn es Zeit ist, hinzuschauen.

Ein erstes Gespräch zeigt, was Sie bewegt, und wohin es gehen kann.

Sie sind neu hier?

Starten Sie mit einem kostenlosen Orientierungsgespräch.

Kostenloses Orientierungsgespräch
Sie sind bereits in Behandlung?

Buchen Sie Ihren nächsten Termin direkt.

Termin auf Doctolib buchen

Oder rufen Sie an: +49 30 551 099 46