Arbeitsplatz in der Abenddämmerung, Thema Burnout und Erschöpfung

Sie sind die oder der, auf die Verlass ist. Sie halten das Projekt, das sonst kippt. Sie tragen mit, was andere liegen lassen, und Sie tun es gut. Vieles in dieser Zeit belohnt genau das. Wer mehr gibt, gilt mehr. Sogar aus der Politik klingt der Ruf, wir sollten noch mehr arbeiten, noch mehr leisten.

Und doch kennen viele, die so viel geben, am Ende des Tages ein leises, hartnäckiges Gefühl von Leere. Kein Bonus, kein Lob, kein nächster Karriereschritt füllt es. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Hinweis.

Was jetzt kommt, klingt zunächst widersinnig, und Sie dürfen skeptisch bleiben: Zu viel zu geben kann müder machen als zu wenig zu bekommen. Wenn Geben und Nehmen aus dem Gleichgewicht geraten, zahlt irgendwann der Körper. Diesem Gedanken möchte ich mit Ihnen nachgehen, ohne den Grund im "bösen Chef" oder im System zu suchen.

Die heroische Erschöpfung

In vielen Arbeitswelten zeigt sich ein Muster, das über gewöhnlichen Stress hinausgeht: eine heroische Erschöpfung. Da sind Menschen, die weit mehr geben, als ihr Vertrag verlangt. Sie übernehmen die Lasten der Kollegen, retten Projekte in letzter Minute, sind der Fels in der Brandung. Von außen die Stütze. Innerlich laufen sie leer.

Oft geht es dabei gar nicht in erster Linie um das Unternehmen. Diese Menschen leisten gegen ein tiefes inneres Gefühl an, nicht zu genügen. Sie tragen eine Opferbereitschaft, die beinahe wie eine Tugend wirkt. Und doch nährt dieses Geben am Ende weder den anderen wirklich noch Sie selbst.

Wenn der Körper die Rechnung übernimmt

Irgendwann meldet sich einer, der sich nicht überreden lässt: der Körper. Der Schlaf wird dünn. Der Rücken soll halten, was innerlich nicht mehr zu halten ist. Das Herz stolpert, der Magen rebelliert, ein Infekt jagt den nächsten. Was wir Burnout nennen, ist oft der Moment, in dem der Körper laut ausspricht, was wir lange überhört haben.

Der Körper ist ein unbestechlicher Zeuge. Er rechnet in Erschöpfung, und er stellt die Rechnung dann, wenn wir am wenigsten damit rechnen.

Die falsche Adresse: wenn das Büro zur Bühne der Vergangenheit wird

Warum gibt ein Mensch so viel, dass er sich selbst dabei verliert?

Die Antwort liegt oft in einer systemischen Verschiebung. Tief in der Seele wirkt ein früher Satz, den viele schon als Kind gelernt haben: "Ich trage es für dich." Er galt dem erschöpften Vater, der unglücklichen Mutter, dem schweren Schicksal eines Vorfahren, dessen Last ein Kind unbewusst mittragen wollte, um dazuzugehören.

Im Erwachsenenleben wandert dieses Muster in den Beruf. Der Schreibtisch wird zur Bühne der Kindheit, und wir versuchen dort, eine alte, seelische Rechnung zu begleichen, die an diesen Ort nicht gehört. Hier geschieht eine leise Verwechslung.

  • Die Währung stimmt nicht. Ein Unternehmen zahlt in Euro, in Boni, in Titeln. Was wir geben, ist seelischer Natur. Es sehnt sich nach einer Erlösung, nach einem „Jetzt ist es gut, mein Kind", das ein Chef nie aussprechen kann.
  • Die Adresse stimmt nicht. Wir schicken unsere Rechnung an den Arbeitgeber, doch der Empfänger sitzt ganz woanders. Weil die Adresse falsch ist, kommt die Antwort nie an. Also geben wir noch mehr, in der Hoffnung, die ersehnte Würdigung träfe endlich ein.
  • Die Zeit stimmt nicht. Wir wollen heute begleichen, was gestern offenblieb. Der Chef wird zum Vater, die Kollegin zur Mutter, ein alter Konflikt spielt auf einer Bühne, auf die er nie gehörte. Solange er nicht dort gelöst wird, wo er entstand, bleibt die Wiederholungsschleife wach: dieselben Kämpfe, andere Gesichter.

Der gestörte Ausgleich: warum zu viel geben schadet

Das Gesetz von Geben und Nehmen wirkt zuverlässig. Jede lebendige Beziehung braucht einen Ausgleich. Wer dauerhaft zu viel gibt, bringt das System aus dem Gleichgewicht und am Ende sich selbst.

Ein Übermaß an Geben schafft unbemerkt ein moralisches Guthaben, und der Blick auf die vermeintlich Undankbaren wird von oben herab. Das nimmt dem anderen etwas von seiner Würde.

Vielleicht kennen Sie das: Sie haben einen Mitarbeiter nach Kräften gefördert, ihm den Rücken freigehalten, mehr in ihn investiert als in alle anderen, und ausgerechnet er kündigt. Zurück bleibt das Gefühl, undankbar behandelt worden zu sein. Oft ist es der Druck der Schuld, der Menschen gehen lässt. Wer ein Zuviel an Geben nie ausgleichen kann, zieht sich zurück, um seine Würde zu wahren.

Und wenn die Seele spürt, dass sie an diesem Ort nie findet, was sie sucht, zieht sie die Notbremse. Die Erschöpfung ist dann der letzte Versuch des Systems, uns zurück an den eigenen Platz zu holen.

Zurück zur eigenen Größe

Souveränität beginnt dort, wo wir aufhören, uns durch Opfer über andere zu stellen. Es ist der Abschied von dem tief menschlichen Wunsch, das schwere Schicksal anderer lösen zu wollen.

Wachstum heißt hier dreierlei:

  • Anerkennen, was ist. Das schwere Schicksal derer, die vor uns waren, würdigen und es bei ihnen lassen.
  • Den Preis zahlen. Den Schmerz aushalten, nur ein Mitarbeiter zu sein, nur ein Partner, nur ein Mensch, statt der rettende Held.
  • Eindeutig bleiben im Austausch. Nur so viel geben, wie das Gegenüber nehmen und ausgleichen kann. Das ist eine hohe Form des Respekts, vor uns selbst und der Eigenständigkeit des anderen.

Solange diese Verwechslung ungelöst bleibt, reichen kein Sabbatical und keine Gehaltserhöhung. Zufriedenheit entsteht erst, wenn wir aufhören, seelische Leere mit beruflicher Leistung zu füllen. Erst wenn die Rechnung an der richtigen Adresse ankommt, werden wir im Beruf wieder frei. Frei für ein Wirken, das aus einer inneren Ordnung schöpft, die trägt.

Ihr erster Schritt

Diese Bewegung muss niemand allein gehen. Manchmal braucht es einen vertraulichen Raum außerhalb von Akten und Diagnosen, um die richtige Adresse überhaupt zu finden. Das ist der Kern meiner Begleitung bei Burnout und Erschöpfung in Berlin-Schöneberg oder deutschlandweit per Video.

Wenn Sie dem Ganzen zunächst in Ruhe für sich nachgehen möchten: In meiner kostenfreien Broschüre „Wenn das Gefäß voll ist" beschreibe ich, wie sich Erschöpfung aufbaut und woran Sie erkennen, dass Ihr Gefäß zu voll wird. Sie finden sie in meinem Download-Bereich.

Wo in Ihrem Leben tragen Sie vielleicht eine Rechnung, die an eine andere Adresse gehört?

Rechtlicher Hinweis: Anhaltende Erschöpfung kann körperliche und seelische Ursachen haben, die ärztlich abzuklären sind. Meine Begleitung ist komplementär und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Bild: Luke Chesser

Wenn es Zeit ist hinzuschauen.

Ein erstes Gespräch zeigt, was Sie bewegt – und wohin es gehen kann.

 

Termin buchen
oder
+493055109946