Das Familienstellen ist für mich eines der kraftvollsten Instrumente, um sichtbar zu machen, was auf ein einzelnes Leben im Verborgenen wirkt. In einem systemischen Feld zeigen sich Familienstrukturen so, wie sie sind. Familienmitglieder kommen auf erstaunlich authentische Weise zu Wort. Und nicht nur sie: Wir lassen auch Häuser und Grundstücke, Symptome und Krankheiten, Berufe und Unternehmen oder innere Anteile sprechen und erkennen, in welcher Beziehung sie zu uns stehen.
Wie eine Aufstellung funktioniert
Die Methode ist im Grunde einfach. Man wählt Stellvertreterinnen und Stellvertreter aus, für die Person, um die es geht, und für die wichtigen Familienmitglieder: Vater, Mutter, Geschwister, Großeltern. Je nach Anliegen auch für ein Element wie das eigene Haus, ein Symptom oder den Beruf. Dann stellen sie sich, ohne jedes Wissen über die Menschen oder Dinge, die sie darstellen, im Raum zueinander in Beziehung.
Das Erstaunliche geschieht sofort. Sobald die Stellvertreter im Feld stehen, fühlen sie wie die Person, die sie vertreten. Manchmal stellen sich sogar Körperempfindungen ein: plötzliches Herzrasen, ein Bein, das nicht gehen will, eine Körperseite, die kalt wird. Auf Nachfrage zeigt sich oft, dass es bei der dargestellten Person tatsächlich so ist. Die Stellvertreter geben sich dieser Arbeit absichtslos hin. Das ist ihr Liebesdienst an der Klientin oder dem Klienten.
Haben sich alle im Feld zueinander positioniert, kommt etwas ans Licht, das im Alltag verborgen bleibt und doch alle in der Tiefe bewegt. Es zeigt sich die Dynamik, die im Familienfeld wirkt. Und oft zeigt sich, ob jemand in das Schicksal früherer Familienmitglieder verstrickt ist.
Das Feld der Wahrhaftigkeit
Das Feld, das wir mit einer Aufstellung öffnen, ist für mich ein Feld der Wahrhaftigkeit. Bewusst sage ich nicht Wahrheit, denn Wahrheiten sind zu absolut, und jeder Mensch trägt seine eigenen gefühlten Wahrheiten. Wahrhaftigkeit ist auch das, worum es im Kern geht: wieder wahrhaftig zu werden. Was die Menschen im Feld wahrnehmen, ist erstaunlich echt. Schon das setzt innere Bewegungen in Gang, die zu Erkenntnissen, Einsichten und Entscheidungen führen. Und diese Entscheidungen sind der Boden für eine andere Zukunft, eine, die wir uns mehr wünschen.
Warum sich Muster wiederholen: die Verstrickung
Bert Hellinger, der Begründer des Familienstellens, nannte das, was in einer Aufstellung entsteht, ein Kraftfeld oder wissendes Feld. Wer als Stellvertreter hineintritt, fühlt und verhält sich wie jemand, der dazugehört. Ähnliches kennen viele: In einer fremden Gruppe denken und fühlen wir plötzlich anders als sonst. Der Biologe Rupert Sheldrake beschrieb solche Felder als morphogenetische Felder, in denen einmal entstandene Muster wie eine Erinnerung weiterwirken und sich wiederholen.
Genau das geschieht oft in Familien. Von Verstrickung sprechen wir, wenn jemand unbewusst das Schicksal eines Früheren noch einmal aufnimmt und lebt. Wurde zum Beispiel vor Generationen ein Kind weggegeben, verhält sich später jemand, als wäre er selbst weggegeben, ohne zu wissen, warum. Aus der Kraft des Feldes allein gibt es keinen Impuls, das Muster zu durchbrechen. Dafür braucht es einen Schritt heraus und den Mut, dem Neuen zu begegnen. Später entwickelten Bert und Sophie Hellinger das Familienstellen weiter, hin zu den Bewegungen der Seele, bei denen die Impulse der Stellvertreter noch mehr Gewicht bekommen.
Von der Verstrickung zur Lösung: die Ordnungen der Liebe
Aus dem, was ans Licht kommt, ergeben sich die Schritte zur Lösung, wenn es eine gibt. Das Berührende daran: Dieselben Kräfte, die zur Not führen, führen auch zur Lösung. Dieselbe Liebe, die verstrickt, solange sie blind ist, kann befreien, sobald sie sehend wird.
Was sich dabei wieder einrichtet, nannte Hellinger die Ordnungen der Liebe. Dazu gehört das Recht jedes Menschen, zu seinem Familiensystem dazuzugehören, und der Ausgleich von Geben und Nehmen, im Guten wie im Schweren. Diese Ordnungen wirken, ob wir wollen oder nicht. Kehren sie zurück, beginnt für die Seele ein Prozess, der entlastet. Viele erleben, dass sich danach auch etwas bei Familienmitgliedern löst, die gar nicht anwesend waren.
Wie ich arbeite
Ein paar Dinge mache ich auf meine Weise.
Anders als beim klassischen Vorgehen wähle meist ich die Stellvertreter aus, intuitiv. Ich spüre, wer im Raum die Arbeit tragen und die Informationen aufspüren kann, die wir brauchen.
Dann beobachte ich das Bild. Schon daraus lässt sich vieles lesen. Ich befrage die Stellvertreter, wir gehen in den Dialog, und ich lasse jene, die füreinander stehen, miteinander sprechen. So zeigt sich, was tatsächlich wirkt.
In meiner Praxis arbeite ich mit systemischen Interventionen und mit Bodenankern statt mit Figuren. Auch in der Einzelarbeit öffne ich Felder, und Klientinnen und Klienten dürfen hineinfühlen. Auch dort zeigt sich viel Wahrhaftigkeit, in der Wahl und in der Wahrnehmung. Und ich fördere damit etwas, das mir wichtig ist: dass wir wieder mehr fühlen und unseren Gefühlen vertrauen dürfen.
Diese Arbeit verlangt eine Haltung, die Hellinger phänomenologisch nannte: absichtslos, ohne Furcht vor dem, was sich zeigt, und ohne den Drang, unbedingt helfen zu wollen. Ich habe das Familienstellen von 2010 bis 2011 in einer zweijährigen Ausbildung gelernt und mit einer praktischen Prüfung abgeschlossen. Die Methode zu erlernen war einfach. Es brauchte danach Jahre der Arbeit mit systemischen Feldern und vor allem inneres Wachstum, um solche Felder zu öffnen, zu führen und zu lesen.
Denn als Therapeutin muss ich mich und meine eigene Geschichte ganz zurücknehmen können. Nichts im Feld einer Klientin oder eines Klienten darf mich in meine eigene Vergangenheit ziehen. Das setzt Disziplin voraus und die Bereitschaft, selbst Aussöhnungs- und Schattenarbeit geleistet zu haben. Heute bewege ich mich sicher in diesen Feldern, bleibe ganz bei mir und vertraue meiner Wahrnehmung. Für mich ist das Familienstellen dabei so klar und gezielt wie das Skalpell in der Hand einer Chirurgin. Ich betrachte, was sich zeigt, ohne Absicht und ohne Moral, und helfe, die Ordnungen der Liebe wieder einzurichten.
Welche Themen kann man aufstellen
Fast alles, was uns bewegt, lässt sich aufstellen. Ein paar Beispiele:
- Beziehungen und Partnerschaft. Eine Frau gerät immer wieder in dieselben Beziehungsmuster. Im Feld zeigt sich, dass sie eine alte, unerfüllte Bindung aus dem System trägt. Wird das sichtbar, kann sich ihr Blick auf die eigene Beziehung verändern.
- Konflikte in der Ursprungsfamilie, alte Verletzungen, ein Riss zwischen den Generationen.
- Kinder und Jugendliche, die auffällig sind. Hier schaue ich auch, wohin das Kind blickt. Denn oft vertritt es in der Seele jemanden oder weist auf etwas im Familiensystem hin, das in Unordnung ist. Das hat nichts mit Schuld zu tun. Es geht um Ursache und Wirkung. Sogar das Verhalten, mit dem ein Kind auf etwas hinweist, ist schon ein Hinweis darauf, worum es gehen könnte. So wird aus dem, was ein Kind tut, ein Liebesdienst am ganzen System. Eine Aufstellung bringt dann Entlastung, für das Kind und für die ganze Familie.
- Symptome und Krankheiten. Wir können ein Symptom als eigenen Anteil aufstellen und es sprechen lassen. Das ersetzt keine ärztliche Behandlung, aber es zeigt, welches Lebensthema mit ihm verwoben ist.
- Wohnungen, Häuser und Grundstücke, die auf uns wirken. Ein Ort, an dem jemand krank geworden ist. Ein Haus, das sich nicht verkaufen lässt. Auch das lässt sich aufstellen.
Wichtig ist mir bei allem: Es geht nie um Schuld. Es geht um Ursache und Wirkung.
Was eine Aufstellung bewirken kann
Für die Seele beginnt nach einer Aufstellung oft ein Prozess, der die neuen, lebensbejahenden Ordnungen fühlbar macht. Viele erleben mehr inneren Halt, klarere Beziehungen und das Gefühl, wieder am eigenen Platz zu stehen. Diese Bewegungen wirken über den Tag der Aufstellung hinaus, manchmal bis zu Menschen, die gar nicht dabei waren.
Ihr erster Schritt
Sie müssen nicht wissen, wie eine Aufstellung geht, um sie zu erleben. Ein erstes Gespräch zeigt, ob sie für Ihr Thema der richtige Weg ist. Mehr auf meiner Seite Familienaufstellungen. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch.
Rechtlicher Hinweis: Das Familienstellen ist eine systemische Erfahrungsarbeit. Meine Begleitung ist komplementär und ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung.
Bild: Roman Kraft