Sie sitzt in einer Besprechung. Alle sagen, das Projekt laufe gut. Und doch spürt sie etwas im Raum, eine Spannung, als hätte sich der Luftdruck verändert. Sie sagt nichts. Das hat sie früh gelernt. Abends ist sie leer, ausgelaugt von einem Tag, der für die anderen ganz normal war. Und leise klingt ein Satz aus der Kindheit nach: „Sei nicht so empfindlich."
Vielleicht kennen Sie diese Szene. Vielleicht dachten Sie lange, mit Ihnen stimme etwas nicht. Ich sehe das anders. Sie nehmen auch mehr wahr als andere. Für mich ist das kein Fehler. Für mich ist es ein hochentwickeltes Instrument.
Keine Störung, ein Merkmal
Hochsensibilität ist keine Krankheit. Sie ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen teilen: eine tiefere Verarbeitung von Reizen, Gefühlen und Eindrücken. Neurodivergenz beschreibt, dass Gehirne verschieden arbeiten. Was für andere Hintergrundrauschen bleibt, kommt bei Ihnen ungefiltert an: Stimmungen, Zwischentöne, das Unausgesprochene im Raum.
In einer Welt, die auf Tempo und Reizfülle gebaut ist, erschöpft das. Und doch liegt genau darin eine große Kraft.
Ein Gesetz der Natur
Für mich steckt in dieser feinen Wahrnehmung ein Gesetz. In der Evolution überlebt nicht der Stärkste. Es überlebt, wer sich am besten anpassen kann. Und Anpassung beginnt mit Wahrnehmung. Wer fein und genau wahrnimmt, spürt Veränderungen früher, liest Situationen tiefer und findet schneller neue Wege. Gerade in Umbrüchen, wenn vieles ins Rutschen gerät, sind hochsensible und neurodivergente Menschen oft am besten ausgestattet.
Das Rennpferd, das mit Ihnen durchgeht
Stellen Sie sich Ihre Sensibilität als ein starkes Pferd vor, ein Rennpferd, mit dem sich Rennen gewinnen lassen. Bei vielen hochsensiblen Menschen beobachte ich das Umgekehrte: Nicht sie reiten das Pferd, das Pferd reitet sie. Die Wahrnehmung geht mit ihnen durch. Sie verlieren sich, spalten sich in tausend Einzeleindrücke, die sich am Ende nicht mehr zusammenfügen lassen, geschweige denn ins Leben bringen.
Ein ungezäumtes Pferd schafft man nicht ab. Man gibt ihm einen Reiter.
Erdung ist der Reiter
Damit die Gabe uns dient, braucht sie einen festen Boden. Aus meiner ganzheitlichen Sicht heißt das vor allem eines: Erdung. Ohne festen Boden trägt uns die feine Wahrnehmung nicht, sie überschwemmt uns. Mein Ziel ist nie, dieses Pferd zu zähmen. Es geht darum, es zu zäumen, ihm Halt und Richtung zu geben, damit Sie es führen. Dann wird aus einer Kraft, die Sie überrollt, eine Kraft, die Sie trägt.
Erdung beginnt oft ganz körperlich: beim Atem, beim Boden unter den Füßen, bei einem Nervensystem, das zur Ruhe kommen darf. Naturheilkundlich unterstütze ich genau das. Und systemisch schauen wir dorthin, wo Ihre Sensibilität früh abgewertet wurde, in der Familie, in der Schule, und geben ihr ihren Platz zurück.
Über die eigenen Grenzen hinaus
In der heutigen Arbeitswelt wird um hochsensible und neurodivergente Menschen geworben, ihre Fähigkeiten sind gefragt. Zugleich sehe ich, dass genau diese Fähigkeiten oft stark ausgenutzt werden. Mit Ihnen gehe ich einen anderen Weg. Statt uns an fremden Grenzen auszurichten, wachsen wir über die vermeintlichen Grenzen hinaus, die uns einmal jemand gesteckt hat. Wer gut geerdet ist und seine Gabe führen kann, darf Verantwortung tragen, sich beruflich entfalten und, wenn er will, ein eigenes Unternehmen gründen. Ihre Andersartigkeit ist dann kein Hindernis. Sie ist Ihr Vorsprung.
Ihr erster Schritt
Vielleicht spüren Sie beim Lesen, dass Ihr Pferd bisher ohne Reiter läuft. Was würde sich verändern, wenn Sie es führen könnten? Mehr über meine Arbeit mit feiner Wahrnehmung lesen Sie auf meiner Seite Hochsensibilität und Neurodivergenz. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch.
Rechtlicher Hinweis: Hochsensibilität ist keine Krankheit. Neurodivergente Diagnosen wie ADHS oder Autismus stellen und behandeln Ärztinnen, Ärzte und psychologische Fachpersonen. Meine Begleitung ist komplementär und ersetzt keine ärztliche oder psychiatrische Behandlung.
Bild: Giorgio Manenti