Ein Kind schlägt in der Kita zu. Zwei Ohrfeigen, ein anderes Kind weint. Am Abend beginnt in der Eltern-Chatgruppe die Auswertung, und die Urteile fallen schnell: harte Konsequenzen, Anzeige, Jugendamt. Noch bevor der Schmerz der Kinder verraucht ist, steht fest, wer der Schuldige sein soll. Ein Kind bekommt einen Stempel: das aggressive, das Problemkind.
Szenen wie diese spielen sich täglich ab, in Kitas, auf Schulhöfen, in Familien. Und fast immer stellen wir dieselbe Frage falsch. Wir fragen: Wer ist schuld? Die bessere Frage lautet: Was treibt dieses Kind?
Der schnelle Stempel
Wir leben in einer Zeit der Diagnosen. Studien zeigen, dass psychische Auffälligkeiten bei Kindern in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben. Wir sprechen über ADHS, über Störungen des Sozialverhaltens, über emotionale Instabilität. Ein auffälliges Kind ist schnell etikettiert.
Doch ein Etikett erklärt nichts. Es beschreibt ein Verhalten und verdeckt zugleich, worum es eigentlich geht. Denn kein Kind ist von sich aus böse. Ein Kind, das schlägt, trägt eine Wut, die sich oft fremd anfühlt, als gehöre sie gar nicht zu ihm.
Kinder sind die Seismographen der Familie
Kinder reagieren nicht strategisch, sie reagieren ehrlich. Sie spüren feiner als jeder Erwachsene, wenn im Familiensystem etwas in Unordnung ist, und sie zeigen es. Ihr Verhalten ist eine Art Frühwarnsystem, das auf etwas hinweist, das niemand ausgesprochen hat.
In der systemischen Arbeit verstehen wir dieses Verhalten als einen Liebesdienst. Aus einer tiefen, oft "blinden" Liebe nimmt ein Kind etwas auf sich, das gar nicht seine Last ist, nur damit das System wieder ins Gleichgewicht kommt.
Was ein Kind zum Schlagen treiben kann
Seit 20 Jahren beschäftige ich mich mit Dynamiken in Familiensystemen. Drei davon tauchen bei auffälligen Kindern immer wieder auf.
Eine unterbrochene Hinbewegung. Die frühe, natürliche Bewegung eines Kindes hin zu Mutter oder Vater kann gestört werden, durch eine frühe Trennung, einen Klinikaufenthalt, durch Zurückweisung oder fehlende Zuwendung. Zurück bleibt eine tiefe Verunsicherung, die sich später als Unruhe, Misstrauen oder Wut zeigen kann.
Ein ausgeschlossenes Familienmitglied. Wird jemand aus dem System ausgeschlossen oder vergessen, ein geschiedener Partner, ein früh verstorbenes Geschwister, ein Verwandter, über den niemand spricht, dann kann ein Kind aus Loyalität dessen Gefühle oder Schicksal stellvertretend leben. Seine unerklärliche Wut ist dann die Stimme von jemandem, der keinen Platz mehr hat.
Eine verdrehte Ordnung. Wenn ein Kind aus seinem Platz rutscht, etwa weil es unbewusst versucht, die Last eines Elternteils oder gar die Beziehung der Eltern zu retten, wird es überfordert. Es trägt eine Verantwortung, die zu groß ist für kleine Schultern.
In jedem dieser Fälle gilt: Das Kind haut nicht aus Bosheit. Es gibt einer Energie Ausdruck, die im System bisher keinen Platz gefunden hat.
Wenn die Ursache ans Licht kommt
Genau hier setzt die systemische Arbeit an. Im Familienstellen schauen wir dorthin, wohin das Kind innerlich blickt. Wir suchen die eigentliche Ursache und geben dem, was verdrängt oder ausgeschlossen war, wieder einen Platz.
Und dann geschieht etwas Berührendes. Sobald die Ordnung sichtbar wird und die Last dorthin zurückkehrt, wo sie hingehört, fällt sie von den kleinen Schultern. Das Kind muss nicht länger stellvertretend wütend, starr oder wehrlos sein. Es entspannt sich. Es darf endlich wieder einfach Kind sein.
Für Eltern: es geht nie um Schuld
Vielleicht erkennen Sie Ihr eigenes Kind in diesen Zeilen. Dann ist das Wichtigste zuerst: Kein Elternteil ist schuld, wenn ein Kind auffällig wird. Es geht um Ursache und Wirkung. Als Eltern dürfen wir uns manchmal unbequeme Fragen stellen lassen. Es geht dabei nicht ums Verurteilen. Es geht darum, ein Kind gut in sein eigenes, freies Leben zu begleiten.
- Wer wurde im Familiensystem vergessen, dessen Gefühl nun durch ein Kind eine Stimme sucht?
- Welche alte, schwere Geschichte lastet unbewusst auf den Schultern des Kindes?
- Wo braucht das Kind Entlastung, um wieder ganz Kind sein zu dürfen?
Ihr erster Schritt
Wenn Ihr Kind mit seinem Verhalten zeigt, dass etwas nicht in Ordnung ist, schaue ich gemeinsam mit Ihnen hin, behutsam und ohne Etiketten. Mehr dazu auf meiner Seite Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch.
Rechtlicher Hinweis: Meine Begleitung ist eine systemische Erfahrungsarbeit und ersetzt keine ärztliche oder kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung.
Bild: Suresh Kadthan