Am Familientisch bleibt ein Teller unberührt. Je mehr die anderen bitten und drängen, desto enger wird der Mensch, um den sich alle sorgen. Oder es geschieht im Verborgenen, nach dem Essen, hinter einer verschlossenen Tür. Von außen sieht es aus, als ginge es um Essen, um Gewicht, um Kontrolle. In meiner Arbeit sehe ich fast immer etwas anderes darunter.
Ich war selbst betroffen, von beidem: Magersucht und Bulimie, mit Klinikaufenthalt. Darum kann ich über beide Formen aus eigener Erfahrung schreiben. Ich kenne diesen Ort von innen, und ich weiß, dass es einen Weg heraus gibt.
Bitte lassen Sie eine Essstörung immer ärztlich abklären. Im Ernstfall kann ein Klinikaufenthalt notwendig sein. Doch bevor es so weit kommt, lohnt der Blick auf das Familiensystem, und genau das können Sie mit mir tun.
Es geht selten ums Essen
Ein gestörtes Essverhalten ist oft der sichtbare Teil von etwas Unsichtbarem. Der Körper spricht aus, was in der Familie keinen Platz hatte. Wer verstehen will, was ein Mensch mit einer Essstörung ausdrückt, schaut auf das System, in das er hineingeboren wurde. Wir schauen auf die verborgenen Bewegungen der Liebe in einer Familie, auf die Ordnungen von Zugehörigkeit, Reihenfolge und Ausgleich, und darauf, wo sie verletzt sind.
Die unterbrochene Hinbewegung
Ganz am Anfang unseres Lebens strecken wir uns der Mutter entgegen. Diese erste Bewegung ist Urvertrauen, in Bewegung gebracht. Wird sie unterbrochen, durch eine frühe Trennung, eine Krankheit, einen langen Klinikaufenthalt oder eine Mutter, die selbst mit einem Verlust rang und innerlich nicht erreichbar war, dann bleibt die Bewegung mitten im Ausstrecken stehen. Das Kind zieht sich zurück, es schützt sich. Aus dem "Ich nehme" wird ein "Ich nehme nicht". Später zeigt sich das oft als tiefe Schwierigkeit, Nahrung, Nähe und das Leben selbst anzunehmen. In einer Aufstellung wird diese unterbrochene Bewegung sichtbar, und sie kann nachgeholt werden.
Magersucht: eine Bewegung, die vom Leben wegweist
In der systemischen Arbeit zeigt sich bei Magersucht häufig eine Bewegung, die vom Leben wegweist statt hinein. Manchmal folgt ein junger Mensch unbewusst einem geliebten Menschen im Familiensystem, der früh gegangen ist oder ausgeschlossen wurde. Manchmal steht dahinter ein stiller Satz: "Lieber gehe ich als du." Ein Kind, das aus tiefer Liebe die Bewegung eines Elternteils auf sich nimmt, damit dieser bleiben darf. Das klingt schwer, und das ist es. Zugleich liegt genau darin der Schlüssel: Wo diese verborgene Liebe ans Licht kommt, kann sie sich wenden und dem Kind sein eigenes Leben zurückgeben.
Bulimie: gefangen zwischen Mutter und Vater
Bei der Ess-Brech-Sucht zeigt sich oft ein Loyalitätskonflikt zwischen den Eltern. Wenn ein Kind früh gespürt hat, dass die Mutter den Vater abwertet oder umgekehrt, gerät es in eine unmögliche Lage. Aus Liebe zur Mutter nimmt es, was sie gibt. Aus Liebe zum Vater, dessen Wesen es in sich trägt, gibt es es wieder zurück. Nehmen und Hergeben, wieder und wieder. Der Körper vollzieht, was zwischen den Eltern ungelöst geblieben ist. Erst wenn beide Eltern in ihrer Würde einen Platz bekommen, muss das Kind diesen Konflikt nicht länger in sich austragen.
Es geht nie um Schuld
Wenn wir auf diese Dynamiken schauen, geht es nie um Schuld. Es geht um Ursache und Wirkung. Kein Elternteil verursacht so etwas mit Absicht. Die Bewegungen, um die es hier geht, laufen tief unter dem Bewusstsein, oft schon über Generationen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie ohnmächtig sich Eltern und Angehörige fühlen, ich habe es bei meinen eigenen Eltern erlebt. Deshalb begleite ich auch sie, damit sie besser mit der Erkrankung ihres Kindes umgehen können. Und wir dürfen gemeinsam dorthin schauen, wohin die oder der Betroffene innerlich blickt, damit dieser Mensch dort nicht länger allein hinschauen muss.
Was möglich wird
Diese Zusammenhänge lösen sich nicht am Küchentisch und nicht durch guten Willen allein. Aber sie lassen sich sehen. Und was gesehen wird, verliert seine Macht. Wenn die unterbrochene Bewegung nachgeholt wird, wenn ein Mensch das Leben wieder von der Mutter annehmen und den Vater in sein Herz lassen darf, dann kann sich der gesunde Anteil zurück in die Mitte stellen. Ich habe erlebt, dass Menschen wieder Hunger auf das Leben bekommen. Das ist kein schneller Weg, und es ist keiner, den man allein geht. Aber es ist einer, der geht.
Ihr erster Schritt
Vielleicht sind Sie selbst betroffen. Vielleicht sorgen Sie sich um Ihr Kind. In beiden Fällen gilt: Sie müssen das nicht allein tragen. Ergänzend zu ärztlicher Abklärung und Behandlung begleite ich die verborgenen Familiendynamiken, damit das Leben wieder angenommen werden darf. Betroffene wie Angehörige. Mehr dazu auf meiner Seite Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene und in der systemischen Begleitung. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch.
Rechtlicher Hinweis: Magersucht und Bulimie sind ernste, mitunter lebensbedrohliche Erkrankungen. Bitte lassen Sie eine Essstörung ärztlich abklären; im Ernstfall kann eine klinische Behandlung notwendig sein. Meine Begleitung ist komplementär. In akuten Krisen mit Selbstgefährdung wenden Sie sich bitte an den ärztlichen Bereitschaftsdienst 116 117 oder den Notruf 112.
Bild: Alexandr Popadin