Ein altehrwürdiges Kaffeehaus im warmen Licht, Sinnbild für einen Moment echter Begegnung und die Frage nach dem Sinn.

Kürzlich war ich mit meiner Familie im Café Einstein Unter den Linden, dem geschichtsträchtigen Stammhaus Berlins, in dem man die Zeit fast noch atmen kann. Während des Besuchs geschah etwas Unerwartetes.

Ich ging auf die Toilette und kam dort mit der Dame ins Gespräch, die für die Pflege der Räume zuständig war. Es begann mit einer fast banalen Frage: Ist es hygienischer, den Toilettendeckel offen zu lassen oder nicht? Sie vertrat leidenschaftlich die Meinung, es sei hygienischer, wenn er offen bleibt. Als sie mich fragte, woher ich meine gegenteilige Information hätte, musste ich lächeln und verwies auf meine Eltern: Man macht es eben so, wurde mir beigebracht. Sie schmunzelte und erwiderte schlagfertig, wenn sie das hinterfragen wolle, müsse sie wohl meine Eltern fragen. Die sitzen oben im Café, antwortete ich. Und tatsächlich, als wir später aufbrechen wollten, kam sie nach oben, und es entstand ein Moment echter Begegnung.

Die Würde im vermeintlich Kleinen

Was mich an dieser Frau tief beeindruckte, war weit mehr als ihre Meinung zur Hygiene. Es war ihre Haltung. Sie war tadellos gekleidet, wählte ihre Worte mit Bedacht und strahlte eine Herzlichkeit und Gewissenhaftigkeit aus, die man in unserer gehetzten Zeit selten findet. Sie sagte von sich selbst, sie gehe einem der ältesten Berufe der Welt nach. Und sie sagte es mit einer Würde, die ich mir von manchem Politiker oder Top-Manager wünschen würde.

Sie hatte etwas gefunden, das vielen von uns abhandengekommen ist: Sinn in ihrer Tätigkeit. In meinen Augen war sie die Hüterin der Ordnung und der Gastfreundschaft in ihrem Bereich. Das Wort „Toilettenfrau" im abfälligen Sinne wurde ihr nicht gerecht.

Das Hamsterrad der Angepasstheit

Wir verbringen oft Jahrzehnte damit, Berufen nachzugehen, die wir im Grunde nicht mögen. Ein ungeschriebenes Gesetz scheint zu besagen: Lebensfreude gönnen wir uns bis zum Einstieg ins Berufsleben, ab dann wird geschuftet. Wir funktionieren, wir passen uns an, wir optimieren uns für Systeme, die uns innerlich leer lassen. Wir rechtfertigen das mit Zwängen, die Familie muss versorgt sein, die Sicherheit muss bleiben.

Das ist verständlich, und doch führt es oft dazu, dass Menschen im Rentenalter mit einer tiefen Wehmut auf ihre Entscheidungen blicken. Sie bedauern selten die Arbeit an sich. Es ist etwas anderes: dass sie über diesem bloßen Funktionieren alt geworden sind, ohne jemals wirklich präsent gewesen zu sein.

Die Seele lässt sich nicht wegkürzen

Wir sind so effizient geworden, dass wir am liebsten unser Inneres wegrationalisieren würden. Wir tun so, als ließe sich die Seele wie ein Kostenfaktor wegkürzen, solange das Gehalt und die äußere Struktur stimmen. Doch das Innere lässt sich nicht wegrationalisieren. Es reagiert auf anhaltende Sinnlosigkeit mit Symptomen, mit Erschöpfung oder mit jener Härte, die wir „Professionalität" nennen und die doch nur eine Rüstung gegen die eigene Leere ist.

Sinn als Lebensgesetz

Sinn ist keine Eigenschaft, die ein Job besitzt oder eben nicht. Sinn ist eine Entscheidung der inneren Haltung und das Anerkennen der eigenen Wirksamkeit. Die Dame im Einstein hat mir gezeigt, dass Würde keine Frage des Titels ist. Sie ist eine Frage der inneren Ordnung.

Es ist nie zu spät, die Gesetzmäßigkeiten des Lebens neu zu sortieren. Lebensfreude ist kein Bonus für den Ruhestand. Sie ist die notwendige Energie für ein gelingendes Leben im Hier und Jetzt. Denn ohne Sinn bleibt jede Tätigkeit nur ein Aushalten auf Zeit.

Ihr erster Schritt

Vielleicht erkennen Sie sich in dem bloßen Funktionieren wieder und ahnen, dass mehr möglich wäre. Ich begleite Menschen entlang der Prinzipien des Lebens, damit sie wieder fühlen, verstehen und mit Seelenkraft über ihr eigenes Leben entscheiden. Wenn Sie mögen, schauen wir gemeinsam hin, in meiner Praxis in Berlin-Schöneberg oder per Video. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch. Mehr über diese Arbeit lesen Sie unter Lebenskrise und Sinnkrise.

Und zum Schluss eine Frage: Finden Sie in Ihrem beruflichen Sein noch Würde, oder haben Sie sich bereits in der Angepasstheit perfektioniert?

Dieser Beitrag ist ein persönlicher und systemischer Impuls und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Bild: Mariia Filonenko

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