Kinder tragen stolz ihren Schulranzen, Sinnbild für einen bewusst begangenen Übergang.

Wir waren neulich zur Schulranzenanprobe. Ja, Sie haben richtig gehört: Schulranzen werden heute nicht mehr einfach gekauft, sie werden anprobiert wie ein Maßanzug. Was als banaler Einkauf begann, hat mir an diesem Tag viel über Übergänge gezeigt, und über den Takt unserer eigenen Seele, den wir dabei so leicht überhören.

In meiner Erinnerung war mein Ranzen ein eckiger Kasten aus Stoff. Er hatte eine Farbe, bestimmt Rot, weil ich Rot mag, er hatte Schnallen, und er musste schlicht alles fassen, was man für die Schule brauchte. Punkt. Es gab keine Diskussion über Ergonomie und erst recht keine Anprobe.

Heute ist das anders. Wir standen in einem Fachgeschäft, umgeben von Modellen, die eher an Ausrüstung für eine Himalaya-Expedition erinnern. Man kann die Rückenlänge millimetergenau verstellen, Brustgurte stabilisieren die Last, Beckengurte verlagern das Gewicht auf die Hüfte. Alles ist darauf ausgerichtet, dem Kind den größtmöglichen Bewegungsspielraum zu lassen.

Das Ritual hinter der Ergonomie

Nicht jedes Modell passte zu meiner Tochter. Wir probierten, justierten und beobachteten im Kreise der ganzen Familie. Wer das für übertrieben hält, den kann ich gut verstehen. Auch ich dachte kurz: Ist das nicht ein wenig viel Aufruhr um eine Tasche?

Doch während ich meine Tochter beobachtete, wie sie stolz mit diesem perfekt eingestellten Ranzen durch den Laden schritt, wurde mir etwas bewusst. Es ging hier gar nicht primär um die Ergonomie. Es ging um das Ritual. Meine Tochter ist durch diesen Fokus innerlich bereits umgezogen. Sie ist noch im Kindergarten, und doch hat sich ihre Seele schon auf die nächste Phase ausgerichtet. Das Ritual der Anprobe hat den Übergang greifbar gemacht. Es wird ihr den Abschied vom Kindergarten leichter machen, weil sie bereits einen festen Stand im Nächsten gefunden hat. Wie Kinder mit solchen Übergängen umgehen, lesen Sie auch unter Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.

Die wegrationalisierte Seele

Doch wie halten wir es mit den Übergängen in unserem eigenen Leben? Wir sind so effizient geworden, dass wir am liebsten auch die Seele, unser Inneres, wegrationalisieren würden. Wir ignorieren ihren Takt, während wir im Außen versuchen, alles richtig zu machen. Wir lassen uns scheiden und unterschreiben Dokumente, während das Herz noch Jahre im Wir verweilt, weil der rituelle Abschluss fehlt. Wir erleben, wie unsere Kinder zu Jugendlichen werden, und die Schwelle wird kaum noch begangen. Wo ist der Raum für die erste Menstruation, der ein Mädchen im Kreis der Frauen willkommen heißt? Wo das Ritual für den jungen Mann, das keinen Alkohol braucht?

Besonders deutlich wird mir das mit den Wechseljahren, vielleicht, weil ich innerlich selbst auf diesen Übergang blicke. Wir gehen heute sehr bewusst mit den körperlichen Beschwerden um, wir kümmern uns um Hormone, Ernährung und Fitness. Aber wissen wir noch, welcher seelische Schritt dahintersteht? Welcher große Abschied von einer Lebensphase hier geschieht und welche neue, weise Kraft dort auf die Frau wartet? Wenn wir nur die Symptome behandeln, überhören wir den Takt der Wandlung.

Rituale sind Ordnungshelfer

Ein Ritual ist kein esoterischer Schnickschnack. Es ist eine systemische Notwendigkeit. Es markiert den Punkt, an dem die Verantwortung für das Alte endet und die Bereitschaft für das Neue beginnt. Ohne diese bewussten Schwellengänge bleiben wir oft energetisch gespalten. Ein Teil von uns steht noch im alten Flur, während der andere schon versucht, im neuen Raum zu funktionieren. Das ist es, was uns oft so unendlich müde macht. Wir marschieren weiter, und haben unsere Seele auf halber Strecke verloren, weil wir ihren Takt nicht mehr hören.

Genau hier liegt der stille Wert eines Rituals. Es trägt uns über die Schwelle, damit ein Übergang gar nicht erst zur Krise wird. Denn eigentlich ist das der Sinn von Ritualen: uns zu begleiten und Halt zu geben, wenn sich Dinge ändern. Wo wir den Schwellengang überspringen, kann aus einem Wandel mit der Zeit eine Lebens- oder Sinnkrise werden, dieses zähe Gefühl, den Faden verloren zu haben. Und in einer Zeit, in der sich fast alles zugleich verändert, im Beruf, in den Familien, in der Welt, brauchen wir solche haltenden Formen vielleicht alle.

Vielleicht braucht es in Ihrem Leben gerade keine neue Strategie und keine weitere Optimierung. Vielleicht braucht es schlicht ein Ritual, das Ihnen hilft, den Ranzen der Vergangenheit abzusetzen und im Heute wirklich anzukommen.

Ihr erster Schritt

Ich begleite Menschen entlang der Prinzipien des Lebens, damit sie wieder fühlen, verstehen und mit Seelenkraft über ihr eigenes Leben entscheiden. Wenn in Ihnen gerade ein Übergang ansteht und ein Teil von Ihnen noch im alten Flur steht, schauen wir gemeinsam hin, in meiner Praxis in Berlin-Schöneberg oder per Video. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch. Mehr über diese Arbeit lesen Sie unter systemische Begleitung.

Und zum Schluss eine Frage: Welchen Übergang in Ihrem Leben haben Sie noch nicht wirklich begangen?

Dieser Beitrag ist ein persönlicher und systemischer Impuls und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

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