Am Anfang sind sie alle da. Es kommen Karten, Anrufe, Umarmungen, jemand kocht, jemand hält die Hand. Und dann, nach ein paar Wochen, wird es still. Die anderen kehren zurück in ihren Alltag, ganz verständlich. Nur für Sie geht der Alltag nicht weiter. Sie stehen noch mittendrin, im Verlust, und plötzlich sind Sie damit allein.
Diese zweite Einsamkeit ist eine der schwersten Erfahrungen in der Trauer. Und kaum jemand spricht darüber.
Die Welt dreht sich weiter, Ihre steht still
Nach einer Beerdigung gibt es eine unausgesprochene Frist. Ein paar Wochen darf man traurig sein, dann erwartet das Umfeld leise, dass man wieder funktioniert. Die Kollegin fragt nicht mehr. Die Freunde laden wieder zum Essen ein, als wäre nichts. Und Sie sitzen da und denken: Merkt denn niemand, dass mein Leben in zwei Teile zerbrochen ist, in ein Vorher und ein Nachher?
Es ist selten Kälte. Die meisten Menschen meinen es gut. Sie wissen nur nicht, was sie sagen sollen, und schweigen aus Angst, das Falsche zu tun. Manchmal schützen sie auch sich selbst, weil Ihr Verlust sie an die eigene Verletzlichkeit erinnert.
Trauer hat keinen Zeitplan
Trauer verläuft nicht wie eine Linie, die irgendwann zu Ende ist. Sie kommt in Wellen. Ein Geruch, ein Lied, der leere zweite Stuhl am Tisch, und Sie sind mitten drin, obwohl Sie dachten, es werde langsam leichter. In der Trauerforschung nennt man dieses Hin und Her das duale Prozessmodell: Wir pendeln zwischen dem Schmerz und dem Leben, das weitergeht. Beides gehört dazu.
Gerade deshalb tut es weh, wenn nach drei Monaten die Frage kommt: Geht es dir jetzt wieder gut? Trauer richtet sich nicht nach dem Kalender der anderen.
Warum Sie sich oft selbst zurückziehen
Viele Trauernde ziehen sich irgendwann selbst zurück. Sie wollen niemandem zur Last fallen und nicht ständig die sein, die traurig ist. Also sagen Sie „Danke, geht schon", obwohl nichts geht. So entsteht ein stilles Missverständnis: Das Umfeld denkt, es sei überstanden, und Sie tragen es allein weiter.
Was in dieser Zeit trägt
Es gibt keinen Trick, der die Lücke füllt. Ein paar Dinge tragen aber durch diese zweite Einsamkeit.
Sagen Sie einem Menschen, dem Sie vertrauen, ganz konkret, was Sie brauchen. Oft können andere nicht ahnen, dass ein Anruf am Todestag, ein gemeinsamer Spaziergang oder einfach ein „Ich denke an dich" so viel bedeutet.
Erlauben Sie den Wellen, da zu sein, statt gegen sie anzukämpfen. Sie kommen und sie gehen wieder. Ankämpfen kostet mehr Kraft als fühlen.
Und suchen Sie sich einen Ort, an dem Ihre Trauer sein darf, ohne Zeitlimit und ohne die Sorge, jemanden zu überfordern. Für manche ist das eine Trauergruppe, für andere eine vertrauliche Begleitung.
Wenn es mehr ist als Einsamkeit
Trauer ist keine Krankheit, auch wenn sie sich manchmal so anfühlt. Bei etwa fünf Prozent der Trauernden verfestigt sie sich jedoch so, dass das Leben über viele Monate stillsteht. Fachlich heißt das anhaltende Trauerstörung. Wenn Sie merken, dass Sie gar nicht mehr herausfinden, dass Schlaf, Antrieb oder Lebenswille dauerhaft fehlen, dann holen Sie sich bitte ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe. Sich diese Unterstützung zu suchen, ist ein Akt der Fürsorge für sich selbst.
Ihr erster Schritt
Wenn Sie gerade in dieser stillen Zeit sind und einen Ort suchen, an dem Ihre Trauer ausgehalten wird, ohne Zeitplan und ohne Diagnose, dann begleite ich Sie gern. In meiner Praxis in Berlin-Schöneberg oder per Video. Mehr dazu auf meiner Seite Trauerbegleitung. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch.
Rechtlicher Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. In akuten Krisen mit Selbstgefährdung wenden Sie sich bitte an den ärztlichen Bereitschaftsdienst 116 117 oder den Notruf 112.
Bild: Mitchell Griest