Zwei Hände umschließen eine Tasse auf einem Holztisch im Morgenlicht, Sinnbild für ein ruhiges Gespräch.

Ein Befund liegt auf dem Küchentisch. Mit einem einzigen Satz ist das Leben ein anderes geworden. Und dann, kaum hat sich die Nachricht herumgesprochen, fangen die Fragen an. Hattest du in letzter Zeit zu viel Stress? Du musst jetzt positiv denken. Hast du eigentlich mal den Zucker weggelassen?

Sie sind gut gemeint, diese Sätze. Und sie legen einem Menschen, der ohnehin schon am Boden ist, noch etwas obendrauf: den leisen Verdacht, er sei selbst schuld.

Dahinter steht mehr als Unbeholfenheit. Wir leben in einer Zeit, die Gesundheit wie eine Leistung behandelt. Wer sich richtig ernährt, richtig bewegt, richtig entspannt, der bleibt gesund, so lautet das Versprechen, und eine ganze Industrie lebt davon. Die Kehrseite dieses Versprechens ist grausam. Wer krank wird, hat dann offenbar etwas falsch gemacht. Diese stille Grausamkeit trifft die, die ohnehin schon alles tragen.

Neulich hatte ich eine Ärztin am Telefon, die seit vielen Jahren Menschen mit schweren Diagnosen behandelt. Als ich erzählte, dass ich mit Menschen auf die Lebensthemen hinter einer Erkrankung schaue, gingen bei ihr zuerst alle Alarmzeichen an. Ihre Sorge: dass Patienten das missverstehen und glauben, sie seien schuld. Sie kennt aus jeder Sprechstunde, wie schnell dieser Gedanke da ist. Bin ich schuld?

Wir waren rasch auf derselben Seite. Denn der Satz, der darunter gehört, ist für uns beide derselbe. Niemand macht sich absichtlich krank.

Die Frage nach der Schuld schaut zurück und macht klein.

Ich stelle eine andere.

Der Körper spricht, und er kennt dieselben Gesetze wie alles Lebendige

Das Leben folgt Ursache und Wirkung. Der Körper macht da keine Ausnahme. Er unterliegt denselben Naturgesetzen wie alles Lebendige, und er beschönigt nichts, er überzieht nichts, er hat kein Interesse daran, jemandem zu gefallen. Er ist der einzige Zeuge, der von Anfang an dabei war.

Unsere Sprache weiß das längst. Uns läuft eine Laus über die Leber, wenn wir Ärger hinunterschlucken. Etwas geht uns an die Nieren, wenn es bis in die Wurzel trifft. Wir nehmen uns etwas zu Herzen, und manchmal bleibt uns die Luft weg oder schnürt sich die Kehle zu. Das ist nicht ausgedacht. Es ist am Körper abgelesen, über Generationen, lange bevor es Diagnosen gab.

Die chinesische Medizin hat solche Zusammenhänge vor langer Zeit beschrieben und uns eine Landkarte hinterlassen. Ein Organ ist darin keine zufällige Anhäufung von Zellen. Mit jeder Stelle des Körpers ist ein Lebensthema verbunden und eine Qualität, die wir in unserem Leben brauchen. Die Leber steht für erworbene Autorität und alte Wut, die Nieren für das Urvertrauen, die Schilddrüse für den eigenen Ausdruck. In dieser Sicht ist es kein Zufall, an welcher Stelle sich etwas zeigt. Der Ort erzählt etwas über ein Lebensthema, über das, was lange keinen Platz hatte.

Das ist keine Esoterik und keine Aussage über die Ursache einer Erkrankung. Es ist eine zweite Leserichtung, neben der ärztlichen.

Und sie führt zu einer anderen Frage. Sie lautet nicht, was Sie falsch gemacht haben. Sie lautet: Was in Ihrem Leben will gesehen werden? Diese Frage klagt nicht an, sie öffnet. In ihr steckt die Möglichkeit, dass das, was geschieht, auch mit Ihnen zu tun haben darf, ohne dass Sie schuld sind. Und wo etwas mit mir zu tun hat, habe ich auch etwas in der Hand.

Was älter ist als wir

Vieles von dem, was wir tragen, ist nicht in unserer eigenen Biografie entstanden. Manchmal steht hinter einer Erkrankung eine alte Loyalität. Wir tragen etwas mit für einen Menschen aus unserer Familie, ein Schicksal, eine Last, einen Kummer, der nie einen Platz bekam. Das geschieht nicht mit Absicht, es geschieht aus Zugehörigkeit.

In der Aufstellungsarbeit wird so etwas sichtbar, und ich habe es in den mehr als 2.500 Aufstellungen gesehen, die ich in den letzten 20 Jahren begleiten durfte. Allein das Sehen ist oft schon eine Erleichterung für das Innere. Auch hier gibt es keinen Schuldigen. Eine Mutter, die ihrem Kind etwas weitergibt, hat es selbst bekommen. Das systemische Sehen schaut auf Bewegungen zwischen Menschen, nie auf Täter. Und es hat eine tröstliche Seite. Dort, wo ein Thema entstanden ist, liegt oft auch die Kraft, es zu bewegen.

Wo der Konflikt liegt, liegt meistens auch die Lösung.

Warum das eine gute Nachricht ist

Man kann das alles mit Angst lesen. Dann steht dort: Ich habe etwas falsch gemacht, und jetzt ist es zu spät. So meine ich es nicht.

Eine schwere Krankheit ist ein Zustand von Ohn(e)macht. Mit einem Schlag liegt vieles nicht mehr in der eigenen Hand. Der Befund gehört in ärztliche Hände, und dort ist er gut aufgehoben. Was Sie aber fühlen, denken und tun, bleibt bei Ihnen. Genau dort setze ich an, bei dem, was eine Krankheit einem Menschen zu nehmen droht: bei seiner eigenen Wirksamkeit.

Denn Heilung ist für mich mehr als ein Symptom, das verschwindet. Heilung ist auch ein Wandel, im Fühlen, im Denken, im Handeln. Ein Bewusstseinsprozess. Diesen Prozess begleite ich, ergänzend zur ärztlichen Behandlung.

Innerlich lässt sich viel bewegen. Ob der Körper diesem inneren Wandel folgt, ob er sich umstimmen lässt, ob er das Schwere mit ärztlicher Hilfe bewältigt, weiß niemand im Voraus, und ich verspreche dazu nichts. Was ich sagen kann: Viele Menschen gehen anders durch eine schwere Zeit, wenn sie innerlich geordnet sind. Ich erlebe oft, dass Entscheidungen eindeutiger werden und dass Menschen aufhören, gegen sich selbst zu arbeiten oder gar gegen sich selbst in den Kampf zu ziehen. Und viele beschreiben diese Zeit im Rückblick als eine Wende, als den Punkt, an dem sie anfingen, ihr eigenes Leben zu leben.

Was das praktisch heißt

Die ärztliche Behandlung bleibt ärztlich. Was im Körper geschieht und was er braucht, entscheiden die Ärztinnen und Ärzte, die ihn behandeln. Ich arbeite begleitend, und ich arbeite an dem, wofür in der Sprechstunde kein Platz ist: an den Fragen des Lebens, die eine Krankheit aufwirft, und an dem, was lange vor ihr begonnen hat.

Die Ärztin und ich waren uns am Ende einig. Wir arbeiten an zwei Seiten derselben Sache. Sie behandelt, was behandelt werden muss. Ich schaue mit den Menschen auf das, was ihr Leben gerade schwer macht.

Wann haben Sie sich zuletzt gefragt, was Sie falsch gemacht haben?

Vielleicht ist es Zeit für die andere Frage.

Ein erstes Gespräch kann zeigen, wo Sie stehen und welcher Schritt für Sie der nächste sein kann. Dreißig Minuten, am Telefon, kostenfrei. Sie finden es hier: Kostenloses Orientierungsgespräch.

Dieser Beitrag ist ein persönlicher und systemischer Impuls und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Einen Heilerfolg kann niemand versprechen, ich auch nicht. Verordnete Medikamente und laufende Behandlungen setzen Sie bitte niemals eigenmächtig ab, sprechen Sie dazu mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Die Aufstellungsarbeit ist wissenschaftlich nicht anerkannt. Wenn Sie sich in einer akuten Krise befinden, finden Sie Hilfe unter katjafesselmann.de/notfall-krisenhilfe.

Bild: Tijana Drndarski

Haltungsfragen, direkt in Ihr Postfach

Texte wie die auf dieser Seite, dazu Gedanken, die es nicht auf die Website schaffen. Über Familien, über Führung, über den Körper, der irgendwann Stopp sagt. Nie mehr als einmal pro Woche. Abmelden mit einem Klick.

Wenn es Zeit ist, hinzuschauen.

Ein erstes Gespräch zeigt, was Sie bewegt, und wohin es gehen kann.

Sie sind neu hier?

Starten Sie mit einem kostenlosen Orientierungsgespräch.

Kostenloses Orientierungsgespräch
Sie sind bereits in Behandlung?

Buchen Sie Ihren nächsten Termin direkt.

Termin auf Doctolib buchen

Oder rufen Sie an: +49 30 551 099 46