Neulich war ich mit meiner Tochter Kastanien sammeln. Für die Schule. Wir sind mit einer Tüte losgezogen und haben dann unter den Bäumen jede einzelne angesehen. Die kleinen und die großen, die platten und die runden, die gescheckten, die aussehen, als hätte jemand sie bemalt. Die Tüte war längst voll, und wir haben trotzdem weitergesucht, weil unter dem nächsten Baum vielleicht eine noch schönere lag. Nach Hause getrieben hat uns am Ende weder ein Termin noch eine Uhrzeit. Wir hatten Hunger.
Dasselbe erlebe ich in meiner Praxis. Wenn ich mit einem Menschen arbeite, verliere ich das Gefühl für die Zeit. Ich sehe nicht auf die Uhr, und ich könnte hinterher nicht sagen, ob eine Stunde vergangen ist oder zwei. Zurückgeholt hat mich beide Male mein Körper, einmal als Hunger, einmal als Müdigkeit.
Ich erzähle das, weil es nach einer Selbstverständlichkeit klingt. In meiner Arbeit sehe ich, dass es keine ist. Wann haben Sie zuletzt die Zeit vergessen?
Wie aus einem Lebensmaß eine Währung wurde
Die Frage klingt harmlos. Stellen Sie sich vor, ich fragte Sie stattdessen: Wann haben Sie zuletzt Geld auf der Straße liegen lassen? Niemand lässt Geld liegen. Bei der Zeit ist es umgekehrt. Wir geben sie den ganzen Tag her, an Dinge, die uns nichts zurückgeben, und halten das für normal.
Dass wir Zeit und Geld in einem Atemzug nennen, ist noch nicht alt. Solange die Menschen nach der Sonne lebten, war Zeit ein Maß für das Leben selbst: Aussaat und Ernte, Tag und Nacht, Kindheit und Alter. Erst als Eisenbahnen fahrplanmäßig abfahren mussten und Fabriken einen Takt brauchten, wurde sie zerlegt, in Stunden, Minuten, Sekunden, und jede Einheit bekam einen Preis. Seither hat sich auch die Sprache angepasst. Wir sparen Zeit, wir investieren sie, wir verschwenden sie. Der Sekundenzeiger macht uns schneller, der Atem wird kürzer. Am Ende des Tages sagen wir den Satz, den alle sagen: Ich habe keine Zeit.
Unsere Abhängigkeit von der messbaren Zeit ist eine der stillsten Süchte unserer Zeit.
Kinder machen sich ihre Zeit
Kinder kennen eine andere Zeit. Sie sind ganz im Hier und Jetzt und wissen von Stunden und Minuten noch nichts. Ein Nachmittag kann sich dehnen, bis er endlos wird, weil so viel Neues in ihn hineinpasst. Meine Tochter hat die Kastanien nicht gesammelt, um etwas zu erreichen. Sie hat sie angesehen.
Wir Erwachsenen tragen ein enges Zeitkorsett. Unser Kalender ist in Viertelstunden geteilt, ein Termin schiebt den nächsten. Michael Ende hat darüber schon vor über fünfzig Jahren ein Buch geschrieben. In „Momo" überreden die grauen Herren die Menschen, Zeit zu sparen, immer effizienter zu werden, und je mehr sie sparen, desto weniger Zeit haben sie.
Das Kind hat den Tag. Wir haben die Uhr.
Chronos und Kairos
Die Griechen hatten für das, was wir mit einem Wort bezeichnen, zwei. Chronos ist die messbare Zeit der Uhr, gleichförmig und unbestechlich. Kairos ist der erfüllte Augenblick, der sich in keine Einheit fassen lässt. In jedem schöpferischen Tun erleben wir Kairos. Je mehr wir eins sind mit dem, was wir gerade tun, desto mehr schwindet die kleine, messbare Zeit.
Ich habe mich gefragt, was einen Moment von der einen Sorte in die andere hinüberträgt. In meiner Arbeit sehe ich vier Dinge, die dafür zusammenkommen müssen:
- Hingabe, sodass die Zeit über der Sache vergessen wird.
- Präsenz, ganz, mit dem ganzen Herzen.
- Sinn, der der Sache innewohnt, gleichgültig, ob jemand ihn bemerkt.
- Inspiration, der Funke, der von der Sache auf uns überspringt.
Fehlt eines davon, bleibt am Abend eine Leere zurück, so gut das Ergebnis auch sein mag. Deshalb kann uns ein Projekt erschöpfen, in dem wir die Zeit vergessen und trotzdem nur den Output vor Augen hatten. Kommen alle vier zusammen, nährt uns dieselbe Stunde. Daran merken wir es:
Zeit hat man nicht. Zeit macht man.
Der beste Zeitmesser ist der Körper
Wenn ich in dieser weiten Zeit bin, brauche ich keine Uhr. Zurückgeholt hat mich noch jedes Mal mein Körper. Irgendwann meldet er sich, als Hunger, als Durst, als eine Müdigkeit, die nicht zu überhören ist, und zieht mich zurück ins Leben.
Diesem Zeitmesser vertraue ich auch dort, wo es ernst wird. Wenn ein Mensch mit einer Erschöpfung oder einem Burnout oder mit einer chronischen Erkrankung zu mir kommt, sitze ich keinem Rätsel gegenüber. Vor mir ist ein Mensch, dessen Körper die ganze Zeit spricht, meistens seit Jahren, erst leise und dann deutlicher. Diagnosen kann ich lesen, Symptome kann ich einordnen, und ergänzend zu dem, was ärztlich nötig ist, höre ich dem Körper zu. Er hat kein Interesse daran, jemandem zu gefallen. Er beschönigt nichts, er überzieht nichts, er lügt nicht. Er ist der einzige Zeuge, der von Anfang an dabei war.
Und er ist ein zuverlässigerer Zeitmesser als jede Uhr. Er weiß, wann etwas genug ist, und er weiß, wann etwas zu viel wird, lange bevor der Kalender es zugibt. Wir haben nur verlernt, ihn zu fragen.
Wenn das Enge weit wird
Erschöpfung entsteht selten dort, wo viel getan wird. Sie entsteht dort, wo lange ohne Hingabe, ohne Präsenz, ohne Sinn und ohne Inspiration getan wird, und wo niemand mehr hinhört, wenn der Körper sich meldet. Er hält das eine Weile aus, er kompensiert, und irgendwann stellt er die Arbeit ein.
Umgekehrt gilt es genauso. In gedehnter Zeit wird das Enge wieder weit. Hindernisse, die eben noch unüberwindlich aussahen, treten einen Schritt zurück, und es zeigen sich Wege, für die vorher kein Platz war. Das lässt sich nicht erzwingen und nicht kaufen. Es geschieht, wenn wir einmal nichts wollen.
Es beginnt mit einer einzigen Frage im Alltag: Wo bin ich noch ganz dabei, mit dem Herzen, so wie das Kind unter den Bäumen? Und wo läuft nur die Uhr?
Wenn Sie merken, dass Sie immer schneller werden und dabei innerlich leerer, dann ist ein erstes Gespräch ein guter Anfang. Es kostet Sie nichts außer einer halben Stunde, das kostenfreie Orientierungsgespräch.
Wann haben Sie zuletzt die Zeit vergessen?
Dieser Beitrag ist ein persönlicher und systemischer Impuls und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.
Bild: Andreas Fickl