Diese Woche war ich in Arztpraxen unterwegs, um meine Arbeit vorzustellen. Eine davon war eine Kinder- und Jugendpsychiatrie. Das Wartezimmer war voll. Während ich dort stand, kamen noch welche nach. Was mich getroffen hat, war das Alter. Vorschulkinder. Grundschulkinder. Menschen, die noch nicht lesen können und schon einen Termin beim Psychiater haben.
Ich habe mit niemandem in diesem Wartezimmer gesprochen, und ich maße mir über keinen einzelnen Fall ein Urteil an. Mitgenommen habe ich eine Frage, und die stelle ich hier.
Was die Zahlen sagen
Der Kinder- und Jugendreport 2026 der DAK hat die Abrechnungsdaten von rund 800.000 versicherten Kindern und Jugendlichen ausgewertet. 2024 erhielten 17 von 1.000 Kindern und Jugendlichen eine neue ADHS-Diagnose, hochgerechnet rund 202.000 junge Menschen in Deutschland. Das sind sechzehn Prozent mehr als im Jahr davor. Bei den Mädchen fällt der Anstieg seit 2020 besonders stark aus, ein Plus von rund sechsundvierzig Prozent. Insgesamt werden 5,2 Prozent der Drei- bis Siebzehnjährigen mit einer ADHS-Diagnose versorgt, und die Hälfte der Kinder mit dieser Diagnose bekommt Medikamente verschrieben.
Solche Zahlen muss man vorsichtig lesen. Mehr Diagnosen können bedeuten, dass mehr Kinder leiden. Sie können auch bedeuten, dass genauer hingesehen wird, und das wäre ein Fortschritt. Vermutlich stimmt beides.
Was sie in jedem Fall zeigen: Immer mehr Familien kommen an einen Punkt, an dem sie Hilfe brauchen.
Was eine Diagnose leistet, und was nicht
Eine Diagnose öffnet Türen. Sie bringt Therapieplätze, Nachteilsausgleich in der Schule, manchmal die erste Entlastung seit Jahren, weil endlich jemand benennt, was lange niemand benennen konnte.
Und doch beschreibt sie nur eine Momentaufnahme des Kindes. Über das Feld, in dem dieses Kind steht, sagt sie nichts. Genau dorthin schaue ich.
Kinder sind die Sensoren im System
In meiner Arbeit schaue ich auf dieses Feld. Nicht alles, was ein Kind zeigt, lässt sich aus seiner eigenen Entwicklung erklären. Vieles gehört zu dem Raum, in dem es aufwächst.
Kinder spüren, was in einer Familie unausgesprochen bleibt. Eine Sorge, die niemand benennt. Eine Erschöpfung, die abends am Küchentisch sitzt und über die am nächsten Morgen nicht geredet wird. Ein alter Verlust, den eine Generation vor ihnen nicht betrauern konnte. Kinder sind loyal bis zur Selbstaufgabe, und sie tragen mit, lange bevor sie Worte dafür haben.
Kinder zeigen, was alle spüren und niemand ausspricht.
Das ist kein Vorwurf an Eltern. Eltern geben weiter, was sie selbst bekommen haben, und niemand von uns hat sich sein Gepäck ausgesucht. Wer Schuldige sucht, findet in einer Familie immer welche, und am Ende hilft das keinem Kind.
Wo der Konflikt liegt, liegt meistens auch die Lösung
Und darin liegt die Hoffnung. Wo ein Thema in einer Familie entstanden ist, liegt auch die Kraft, es zu bewegen.
Ich habe es oft erlebt: Eltern schauen auf ihr eigenes Thema, und beim Kind fällt etwas ab. Der Raum hat sich verändert, in dem es atmet. Was Erwachsene in sich ordnen, müssen Kinder nicht mehr für sie halten.
Was die Welt den Kindern zumutet
Das volle Wartezimmer hat mich über etwas nachdenken lassen, das über das einzelne Kind hinausreicht.
Wir haben die Stille abgeschafft. Rückzugsräume sind selten geworden, Orte ohne Geräusch fast verschwunden. Den ganzen Tag sind wir beschallt, über immer mehr Kanäle, und das meiste davon liegt in einem einzigen Gerät auf dem Küchentisch.
Über dieses Gerät strömen zwei Kräfte zugleich auf uns ein. Von der einen Seite die schlechten Nachrichten, die Angst machen, vor Verlust, vor Armut, vor Krankheit. Von der anderen die glänzenden Versprechen, schneller Erfolg, schnelles Geld, Gesundheit, Schönheit. Ein Kind wächst mitten in diesem Widerspruch auf, und es hat ihn nicht gebaut.
Dazu kommt die nüchterne Lage. Schauen Sie allein nach Berlin. Man braucht zwei Gehälter, um sich das Leben zu leisten, die Mieten steigen, die Lebensmittel, die Energie. Die Zeiten fühlen sich unsicher an, und in dieser Unsicherheit wachsen unsere Kinder auf, mit der leisen Dauerbotschaft, dass die eigene Existenz nicht gesichert ist.
Das Ohr ist für all das besonders empfindlich. Was durchs Ohr hereinkommt, geht geradewegs nach innen. Jeder kennt das von einem Anruf, bei dem eine schlechte Nachricht oder eine Kritik kommt. Sie sitzt sofort im Inneren, und wir knabbern tagelang daran. Erwachsene halten wenigstens einen Teil davon ab. Kinder können das noch nicht. Sie haben keine Grenzen, sie fühlen ungefiltert in jeden Raum hinein und nehmen auf, was dort ist. Das liegt nicht an bösem Willen. Eltern sind oft selbst überlastet und können eine Tür nicht halten, die sie für sich selbst nie bauen durften.
Wenn das Gefäß voll ist
Was macht diese Dauerbeschallung mit uns? Bei Erwachsenen führt sie meist in die Erschöpfung. Das innere Gefäß füllt sich, bis es überläuft.
Kinder erschöpfen noch nicht wie wir. Sie kompensieren, und meist über den Körper: über Bewegungsdrang, über den Unwillen, sich einer Sache zuzuwenden, manchmal über Aggression. Das sind keine Fehler. Das sind Ventile für ein Gefäß, das zu voll geworden ist.
So lässt sich auch ADHS noch einmal anders lesen. Übersetzt heißt es eine Schwäche in Aufmerksamkeit und Konzentration. Man kann darin aber auch ein Kind sehen, das einer ständigen Reizüberflutung ausgesetzt ist und sie nicht mehr filtern kann. Die Frage ist dann weniger, was mit dem Kind nicht stimmt, und mehr, in welcher Welt es seine Aufmerksamkeit überhaupt noch finden soll.
Ich glaube, dass Kinder uns gerade etwas zeigen. Und dass wir gut daran tun, neben dem Kind auch die Welt anzuschauen, in der es groß wird.
Was ist mein, was ist dein
Wenn etwas sehr kompliziert wird, neige ich dazu, einfach zu denken. Und so verzweigt das alles klingt, die Richtung ist schlicht. Sie beginnt bei den eigenen Bedürfnissen.
Im Kern geht es darum, das Eigene von der Lautstärke der Welt zu unterscheiden. Die eigenen Bedürfnisse von den Erwartungen, den Anforderungen, den Ängsten, die ununterbrochen auf uns einströmen. Am Ende ist es eine einzige Frage, und sie ist größer, als sie klingt. Was ist mein, und was ist dein?
Diese Frage beginnt in der Familie. Sie zieht sich über den Arbeitsplatz bis in die Gesellschaft. Wer sie für sich beantworten kann, zieht eine Grenze und weiß, wo er aufhört und der andere anfängt.
Das gilt für Erwachsene mit einer ADHS-Diagnose genauso wie für Kinder. Für Kinder aber im Besonderen, weil in ihnen noch so vieles verdrahtet, verschaltet und entwickelt wird. Ihr Gehirn ist mitten im Werden, und was sie jetzt lernen, trägt weiter als jede spätere Einsicht.
Die Aufgabe heißt für beide gleich, und das ist die hoffnungsvolle Seite. Das Eigene sehen lernen. Das eigene Potenzial erkennen und leben, unabhängig von den Umständen und von der Schwarzmalerei der Zeit. Die Frage ist nur, ob wir Erwachsenen das selbst je lernen durften.
Genau dort schaue ich mit Menschen hin, mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ebenso wie mit ihren Eltern. Am deutlichsten wird es oft in einer Familienaufstellung, wo sichtbar wird, was ein Kind mitträgt, das gar nicht seines ist.
Was, glauben Sie, tragen unsere Kinder mit, das gar nicht ihres ist?
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Dieser Beitrag ist ein persönlicher und systemischer Impuls und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Einen Heilerfolg kann niemand versprechen, ich auch nicht. Wenn Sie sich in einer akuten Krise befinden, finden Sie Hilfe unter Notfall & Krisenhilfe.
Bild: Nils Huenerfuerst