Etwa jeder fünfte Mensch erlebt im Lauf seines Lebens eine Depression. Das sind nicht die anderen. Das sind Kolleginnen, Freunde, vielleicht auch wir selbst. Oft sieht man es nicht, weil wir weitermachen, funktionieren, lächeln, während es innen still wird, leer und schwer.
Neben der wichtigen medizinischen Sicht möchte ich Ihnen einen anderen Blick anbieten. In meiner Arbeit sehe ich Niedergeschlagenheit oft als ein seelisches Phänomen. Und dahinter zeigt sich immer wieder ein leiser Satz: "Du fehlst im Herzen".
Julias Geschichte
Stellen Sie sich eine Frau vor, nennen wir sie Julia. Julia ist Mitte 30, alleinstehend, erfolgreich im Job, sie hat Freunde, nach außen funktioniert alles. Doch seit Monaten legt sich eine bleierne Schwere über ihre Tage. Die Freude ist gewichen, auch an den Dingen, die sie früher geliebt hat. Abends in ihrer Berliner Wohnung fühlt sie sich leer und erschöpft, ohne greifbaren Grund. Eine depressive Verstimmung, die keinen Namen trägt.
Gleichzeitig hadert Julia seit Jahren mit ihrer Mutter. Die Telefonate sind kurz, die Vorwürfe lang, mal ausgesprochen, mal nur gefühlt. Ihren Vater kennt sie kaum, er war ein Schatten, der die Familie früh verließ. Julia hat für sich entschieden: "Ich brauche sie nicht. Ich mache das allein. Ich will nicht werden wie sie."
Sie glaubte, mit dem Bruch im Außen sei sie frei. Doch die Freiheit fühlt sich nicht leicht an. Sie fühlt sich leer an.
Gebunden im Gestern
Was Julia nicht weiß: Sie lebt zwar im Heute, innerlich aber ist sie im Gestern gebunden. Sie sieht die Welt durch die Brille von damals.
Wer so gebunden ist, blickt ständig nach hinten. Ein Teil der Aufmerksamkeit, der Kraft und der Liebe bleibt bei den alten Verletzungen. Und wer nach hinten schaut, hat weder die Hände noch das Herz frei für das Leben, das von vorn auf uns zukommen möchte. So bleibt eine leise Leere, sogar mitten im Erfolg.
Bei Julia zeigt sich das ganz konkret. Im Team empfindet sie andere Frauen oft als Konkurrentinnen, ein unbewusstes Echo des alten Konflikts mit der Mutter. Wenn Männer ihr nahekommen, zieht sie sich zurück, bevor es ernst wird, aus Angst vor dem Verrat, den sie beim Vater vermutet. Sie lebt im Heute und reagiert doch aus dem Damals.
Die drei Hinbewegungen
In meiner Arbeit sehe ich oft, dass Menschen sich zuerst an ihrer Mutter abarbeiten und danach an ihrem Vater. Warum das so ist, habe ich über die Jahre verstanden: Das Leben verlangt drei unbestechliche Hinbewegungen: die Hinbewegung zur Mutter, die Hinbewegung zum Vater und die Hinbewegung zum eigenen Leben.
Das heißt nicht, dass wir werden wie unsere Eltern oder sie in unser Leben mitnehmen. Aber es heißt durchaus, dass wir durch sie unser eigenes Leben annehmen. Das ist der entscheidende Unterschied.
Gelingen diese Bewegungen, das Ja zur Mutter, das Ja zum Vater, das Ja zum eigenen Leben, dann sind wir voll. Voll im Herzen und nicht mehr leer. Denn leer sind wir nur, wenn jemand fehlt, wenn wir das Ja verweigern müssen. Dafür gibt es Ursachen und Geschichten. Doch wir schauen auf die Wirkung, und wo es nötig ist, holen wir diese Hinbewegungen nach. Wie stark gerade die Bewegung zum Vater trägt, beschreibe ich in Hinter dem Vater liegt der Lebenserfolg.
Die zwei Kräfte in uns
Irgendwann sind wir erwachsen und der Blick wandelt sich. In unserem eigenen Leben geht es am Ende nicht mehr um die Personen Mutter und Vater. Es geht um die inneren Anteile, die wir in uns tragen, um den mütterlichen und den väterlichen Anteil.
Diese Anteile sind geprägt von dem, was wir durch unsere Eltern erfahren haben, aber auch von dem, was wir von Geburt an mitbringen. Hier braucht es Behutsamkeit, denn nicht jeder hatte gesunde, liebevolle, präsente Eltern. Und doch gilt: Es gibt keine potenzialfreien Eltern, wir selbst sind der beste Beweis. Und oftmals sehen wir sogar einem von ihnen ähnlicher oder tragen Eigenschaften von ihnen. Stellen Sie sich jetzt vor, sie würden den, den sie morgens im Spiegel an sich selbst erkennen, ablehnen. Was macht das wohl mit uns?
Wir dürfen unsere Eltern lieben, egal wie sie waren, und das Herz darf offen bleiben. Immer. Denn am Ende geht es darum, dass wir eine mütterliche und eine väterliche Kraft in uns tragen, die wir zum Leben brauchen wie die Luft zum Atmen.
- Die mütterliche Kraft ist die Fähigkeit, uns selbst zu nähren, die Erlaubnis, dass es uns gut gehen darf. Fehlt sie, fällt es schwer, Fülle anzunehmen. Wir werden streng mit uns und fühlen uns innerlich ausgehungert.
- Die väterliche Kraft ist der Motor für unsere Wirksamkeit, der Mut, uns zu zeigen, Grenzen zu setzen und Erfolg zuzulassen. Fehlt sie, treten wir auf der Stelle, obwohl wir eigentlich rennen könnten.
Wenn die Seele ruft
In Julias Fall ist die depressive Verstimmung für mich ein seelisches Phänomen. Es ist, als würde ein Teil ihrer Seele rufen: "Mach das Herz wieder ganz. Und mach es auf. Denn sie fehlen". Egal was war und ist: Wir sind Kinder unserer Eltern und wollen am Ende doch nur lieben und geliebt werden. Oder?
Wir arbeiten dann am Fundament für das eigene Leben. Wenn wir Teile unserer Herkunft ausschließen, fehlt uns die Kraft genau dieser Anteile. Wir versuchen, ein Haus auf einem Fundament zu bauen, dessen Steine wir zur Hälfte weggeworfen haben.
Heilung bedeutet dabei keine nachträgliche Gutheißung dessen, was war. Verletzungen bleiben Verletzungen. Es geht um Eindeutigkeit, um ein inneres Ja: "Ich komme von euch. Ihr seid die Großen, ich bin die Kleine. Ich nehme das Leben an, das durch euch zu mir kam, mit allem, was war."
Dem Fehlenden wieder einen Platz geben
In der Arbeit mit systemischen Familienaufstellungen schauen wir hinter diese Vorhänge. Wir machen die unsichtbaren Bindungen sichtbar und geben dem, was fehlt, wieder einen Platz im inneren Bild.
Als Julia in einer Aufstellung zum ersten Mal ihren Vater und ihre Mutter als Eltern im Rücken fühlte, änderte sich etwas. Sie hatte einen körperlichen und emotionalen Eindruck von dem, wie es vielleicht sogar einst war, als sich die Eltern einmal liebten. Als sie entstand. Wir vergessen diesen Blick häufig, weil wir in der Realität mit dem Mangel, mit der Spaltung und der Uneinigkeiten unserer Eltern konfrontiert werden. Und wer mag da schon beherzt und beschwingt in sein eigenes Leben gehen? Ihre Eltern hatte das nicht verändert. Das muss es auch nicht. Verändert hatte sich ihr Bild von ihnen. Die Brille der Vergangenheit wurde klarer und sie musste nicht mehr kämpfen.
Aus Ohnmacht wird Gestaltungskraft
Durch diese inneren Bilder kommen wir aus dem Zustand der Ohnmacht heraus. Wir blicken wieder nach vorn und haben Herz und Hände frei für das, was auf uns zukommt. Aus der Schwere wird dann vielleicht sogar ein tiefes Verständnis. Und dieses Verständnis, vor allem das Einverständnis mit dem eigenen Leben, trägt uns weiter, als wir es uns vorstellen können.
Ihr erster Schritt
Wenn Sie sich in Julias Geschichte ein Stück wiedererkennen: Es gibt Wege, die innere Ordnung wiederherzustellen, auch wenn die Geschichte schmerzhaft war. Ich begleite Sie dabei gern, in meiner Praxis in Berlin-Schöneberg oder per Video. Mehr dazu auf meinen Seiten Depression und depressive Verstimmungen und Familienaufstellungen. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch.
Rechtlicher Hinweis: Dieser Beitrag beschreibt eine systemische Sichtweise und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Eine Depression kann ärztliche Behandlung erfordern, meine Arbeit versteht sich ergänzend. Wenn Sie an Selbsttötung denken oder in einer akuten Krise sind, holen Sie sich bitte sofort Hilfe: bei der Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 (kostenlos und anonym, rund um die Uhr) oder im Notfall unter 112.
Bild: Anthony Tran