Schwangere Frau im Feld, Sinnbild dafür, dass Mutter und Kind sich bis in die Zellen in sich tragen.

Kennen Sie das Gefühl, nicht ganz am richtigen Platz zu sein? Diese leise Unruhe, dieses Suchen, das nicht aufhört, obwohl von außen alles stimmt? Viele Menschen tragen dieses Gefühl mit sich, ohne es benennen zu können. Was wäre, wenn es mehr ist als eine Stimmung? Wenn es eine körperliche Entsprechung hat, bis in Ihre Zellen?

Ein Kind bleibt in seiner Mutter, ein Leben lang

Lange dachte man, in der Schwangerschaft fließe alles in eine Richtung, von der Mutter zum Kind. Heute wissen wir, es ist ein Austausch in beide Richtungen. Zellen des Kindes gehen in den Körper der Mutter über und bleiben dort. Nicht für Wochen. Für Jahrzehnte, oft ein Leben lang. Man findet sie in ihrem Blut, in ihrer Haut, bis in Herz und Gehirn.

Eine Frau, die einmal ein Kind getragen hat, trägt es weiter. Auch wenn es längst erwachsen ist und in einer anderen Stadt lebt. Fachleute nennen das Mikrochimärismus. Ich nenne es das leiseste Wunder, das ich kenne.

Und das Kind sorgt für seine Mutter

Jetzt wird es fast unglaublich. Die Zellen des Kindes ruhen nicht untätig in der Mutter. Wird sie verletzt, wandern sie genau dorthin, wo es weh tut. Zu einer Wunde. Zu einem geschwächten Herzen. Dort verwandeln sie sich in das Gewebe, das gebraucht wird, und helfen bei der Heilung. Forschende haben das an vielen Organen beobachtet, von der Haut bis zum Herzen.

Ob und wie stark dieser Schutz am Ende wirkt, untersucht die Wissenschaft noch. Aber allein die Vorstellung berührt: Da ist ein stiller Liebesdienst, lange bevor ein Kind ein einziges Wort sprechen kann. Das Kind gibt der Mutter etwas zurück, von innen, ohne dass jemand es merkt.

Wir tragen sogar unsere Geschwister in uns

Und es geht noch weiter. Zellen aus früheren Schwangerschaften bleiben in der Mutter und können an ein späteres Kind übergehen. Ein jüngeres Geschwister trägt also Spuren der Älteren in sich, auch der Kinder, die früh gegangen sind oder nie geboren wurden. Man nennt sie manchmal Sternenkinder.

Sogar Zellen der Großmutter lassen sich finden. Drei Generationen, verbunden in einem einzigen kleinen Körper. Ihre Familie ist in Ihnen abgebildet, bis in die Zelle. Das ist kaum zu fassen, und es ist gut belegt.

Warum uns das unruhig macht

Für mich schließt sich hier der Kreis zu dem, was ich in meiner Arbeit täglich erlebe. Die Ordnung einer Familie ist in uns angelegt. In dieser Ordnung hat jeder, der dazugehört, seinen Platz, und die Früheren kommen vor den Späteren, auch die, die nur kurz oder nie gelebt haben.

Diese Ordnung wirkt in uns, ohne dass wir es wissen. Wer an seinem Platz steht, ist bei sich, gesammelt und ruhig. Wer auf einem fremden Platz steht, fühlt sich entfremdet und unruhig, ohne sagen zu können, warum.

Und plötzlich bekommt das Gefühl vom Anfang, ich stehe nicht ganz an meinem Platz, eine ganz körperliche Entsprechung. Es ist keine Einbildung. Es ist eine tiefe Erinnerung, die wir bis in die Zelle in uns tragen.

Die unbewusste Suche nach dem eigenen Platz

Viele Menschen kennen diese Unruhe. Sie zeigt sich in Partnerschaften, im Beruf und in einem Suchen, das nie ganz aufhört. Manche füllen es mit immer neuen Zielen, manche mit Rückzug, manche mit Suchtmitteln. Von außen sieht man nur den ruhelosen Menschen. Der eigentliche Grund bleibt im Verborgenen.

Gerade bei jungen Menschen erklärt sich manches davon von hier aus, auch manches Suchtverhalten. Mehr dazu lesen Sie auf meiner Seite Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.

Besonders dann, wenn vor uns Kinder waren, die gegangen sind, früh, ungeboren, ungesehen, kann ein späteres Kind unbewusst mittragen, was nie einen Platz bekam.

Zwei Geschichten aus meiner Praxis

Ich denke an eine Mutter, die mit zwei Söhnen zu mir kam. Beide fielen auf, in der Schule, im Verhalten, in einer Unruhe, die niemand einordnen konnte. In der Aufstellung zeigte sich, was nie ausgesprochen worden war: dass vor und zwischen den beiden Söhnen weitere Kinder waren, die nie zur Welt kamen.

Für eine Mutter ist das ein schweres Thema, für manche ein Trauma, verborgen unter Trauer, Verdrängung und Schweigen. Meist schieben wir es weit von uns weg. Diese Kinder in einer Aufstellung wirklich anzusehen und anzunehmen, ist deshalb kein kleiner Schritt. Es ist eine tiefe Seelenbewegung. Als diese Mutter sie vollzog, als sie anerkennen konnte, dass sie Mutter von mehr Kindern ist, als sichtbar waren, ordnete sich etwas im ganzen Familienfeld.

Und dann geschah, was weit über ein gutes Gespräch mit den Söhnen hinausgeht. Die beiden Jungen kamen zur Ruhe. Ihre Auffälligkeiten hatten auch die Ehe belastet. Als die Söhne ruhiger wurden, entspannte sich die Beziehung, und die ganze Familie mit ihr. Wo vorher Enge war, war plötzlich Fülle.

Das sind stille, unbewusste Bänder. Und hier schließt sich der Kreis zum Anfang: Diese Ordnung ist auch in den Söhnen angelegt, bis in die Zelle. Gerade im jüngsten Kind trägt der Körper Spuren all derer, die vor ihm waren, auch der Ungeborenen.

Ein zweites Beispiel zeigt dieselbe Dynamik von einer anderen Seite. Eine Frau kam zu mir, eine Berufskollegin, deren Praxis nicht in Gang kommen wollte. So sehr sie sich mühte, die Klienten blieben aus. In der Aufstellung rückten Kinder in die Mitte, gegen die sie sich in früheren Jahren entschieden hatte.

Auch eine Mutter trägt ihre Kinder im Körper weiter, ob sie geboren wurden oder nicht. Im Feld wurde fühlbar, dass diese Kinder eine Zuwendung von ihr brauchten. Solange sie ungesehen blieben, band das ihre Kraft. Erst als sie ihre Mutterschaft annahm und sich ihnen zuwandte, konnte sie sich auch ihren Klienten wieder zuwenden. Denn im Grunde stehen wir vor den Menschen, die zu uns kommen, wie vor unseren eigenen Kindern. Entweder wir nehmen sie an, oder wir wenden uns ab. Das gilt für mich genauso. Solche Beziehungsdynamiken lassen sich nicht teilen.

Das Gute liegt näher, als wir denken

Das Gute liegt oft näher, als wir denken. Es liegt in der eigenen Herkunft. Wenn sich die Ordnung wieder herstellt und die, die dazugehören, ihren Platz bekommen, kann Ruhe einkehren, auch bei denen, die vorher keine Ruhe fanden.

In einer Familienaufstellung wird fühlbar, an welchem Platz Sie stehen. Und von diesem Platz aus lässt sich das eigene Leben wieder tragen. Den meisten Menschen ist das zunächst gar nicht bewusst. Sie erleben nur die Unruhe. Und dann, im Feld, den Moment, in dem sie ankommen.

Ihr erster Schritt

Wenn Sie eine Unruhe kennen, für die es keinen Grund zu geben scheint, schauen wir gemeinsam dorthin, wo sie ihren Ursprung hat. In meiner Praxis in Berlin-Schöneberg oder per Video. Mehr über diese Arbeit lesen Sie auf meinen Seiten Familienaufstellungen und systemische Begleitung. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch.

Und zum Schluss eine Frage: Wo in Ihrem Leben suchen Sie einen Platz, der vielleicht längst in Ihrer Familie auf Sie wartet?

Dieser Beitrag ist ein persönlicher und systemischer Impuls und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Bild: Anna Hecker

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