Während meiner Ausbildung zur Heilpraktikerin traf ich zwei junge Frauen, die denselben Weg gehen wollten wie ich. Über mehrere Unterrichtseinheiten hinweg kam heraus, dass beide in der eigenen Familie schwere Grenzüberschreitungen erlebt hatten. Was ihnen widerfahren ist, war Unrecht. Daran gibt es nichts zu deuten, und ich habe bis heute die größte Achtung vor ihrem Schicksal. Und doch wurde mir in diesen Wochen etwas bewusst, das mich seither begleitet.
Wenn das Leid zur Mitte wird
Beide Frauen waren alleinstehend. Beide wünschten sich einen Partner und eine eigene Familie. Und beiden gelang es nicht. Als ich vorsichtig und mit Respekt ein paar systemische Fragen stellte, zeigte sich etwas Stilles und Schweres: Das Erlittene war zur Mitte ihres Lebens geworden. Es war ein Teil ihrer Identität. Aus ihm zogen sie, ohne es zu wollen, Halt und Antrieb zugleich.
Genau hier zeigt sich, warum das Lösende oft so schwer ist. Wer über Jahre getragen hat, für den ist das Schwere ein Teil seiner selbst geworden. Die Frage, die dann im Raum steht, ist erschütternd: Wer bin ich, wenn ich das nicht mehr bin?
Warum Loslassen sich wie Verrat anfühlt
Es kommt ein Zweites hinzu. Bei beiden Frauen gab es Parallelen zu Menschen in ihrer Familie. Das Leid loszulassen hätte sich angefühlt, als verließe man die eigene Herkunft. Als verlöre man das Recht, dazuzugehören. Und die Angst, aus dem Familiensystem zu fallen, ist eine der ältesten Ängste, die wir kennen. So bleibt ein Mensch lieber im Vertrauten, auch wenn es wehtut.
Bert Hellinger hat dafür einen Satz geprägt, der zuerst hart klingt und doch zutiefst menschlich ist: Leiden ist leichter als lösen. Im Leid bleiben wir in einer Art Unschuld. Uns wurde etwas angetan, wir haben nichts falsch gemacht. Das Lösende dagegen verlangt einen Schritt heraus, hinein ins eigene Leben. Und dieser Schritt fühlt sich manchmal an, als bräche man die Treue zu denen, die Ähnliches getragen haben. Deshalb hält ein Mensch am Leid fest. Das ist keine Schwäche. Es ist eine tiefe, oft unbewusste Loyalität.
Das Leben schaut auf Ursache und Wirkung
Das Schwere daran ist: Das Leben selbst kennt diese Rücksicht nicht. Es folgt allein Ursache und Wirkung und seinen eigenen Ordnungen, der Zugehörigkeit, dem Ausgleich von Geben und Nehmen, der Resonanz. Diese Ordnungen wirken bei jedem gleich, unabhängig von Schuld und Unschuld, unabhängig davon, wie sehr jemand etwas anderes verdient hätte. Das kann bitter erscheinen. Es ist zugleich die gute Nachricht. Denn wenn dieselben Gesetze für alle gelten, dann steht auch jedem derselbe Weg zurück ins eigene Leben offen.
Was diesen beiden Frauen geschehen ist, war real, und es hat ihre Entwicklung geprägt, wie jedes frühe Unrecht. Zugleich wirkt darüber hinaus etwas Systemisches, das über die eigene Geschichte hinausreicht. Beides gehört zusammen. Genau deshalb schaue ich in meiner Arbeit über das eigene Erleben hinaus, auf die Muster und Bindungen, die ein Leben unbewusst zusammenhalten.
Wohin ich Menschen führen möchte
Seither stelle ich mir immer wieder dieselbe Frage: Wohin führe ich einen Menschen, wenn ein altes Leid in der Mitte seines Lebens steht? Meine Haltung ist eindeutig. Ich möchte Menschen darüber hinausführen, weit über die Grenzen hinaus, die sie sich selbst gesetzt haben.
Dafür musste ich zuerst bei mir selbst sorgen. Meine eigene Mitte muss leer sein. Denn was in meiner Mitte liegt, dahin würde ich unweigerlich auch die Menschen führen, die mir vertrauen. Wer die eigene Geschichte nicht geordnet hat, kann andere nur bis an die eigenen Grenzen begleiten. Das kann nicht das Ziel einer heilkundlichen oder therapeutischen Arbeit sein.
Ihr erster Schritt
Niemand muss sein Leid aufgeben, ehe er bereit ist. Das ist seine Freiheit, und ich achte sie zutiefst. Aber wenn Sie ahnen, dass ein altes Leid mehr Raum in Ihrem Leben einnimmt, als Ihnen guttut, dann schauen wir gemeinsam behutsam hin. In meiner Praxis in Berlin-Schöneberg oder per Video. Mehr dazu auf meinen Seiten Familienaufstellungen und systemische Begleitung. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch.
Und zum Schluss eine Frage: Wenn Sie ein altes Leid loslassen dürften, ohne irgendjemanden zu verlieren, was würde dann in Ihrem Leben möglich?
Dieser Beitrag ist ein persönlicher und systemischer Impuls. Er ersetzt keine ärztliche Behandlung. Bei schweren Traumafolgen ist eine fachlich und medizinisch begleitete Behandlung wichtig.
Bild: Lan Gao