Stellen wir uns eine Klientin vor, nennen wir sie Frau M. Sie kommt zu mir, weil sich in ihrem Leben immer wieder dieselbe Schwere zeigt. Wir arbeiten, es geht in die Tiefe und irgendwann kippt etwas. Auf einmal richtet sich ein alter Zorn gegen mich. Ihre Worte werden schärfer, ihr Blick misstrauisch, als hätte ich ihr etwas angetan.
Ich weiß in solchen Momenten: Das gilt nicht mir. Ich bin zur Projektionsfläche geworden. Weil ich eine Frau bin und eine Mutter, lädt sich bei mir oft ab, was eigentlich der eigenen Mutter gilt. Das geschieht nicht mit Absicht und nicht aus Bosheit. Es geschieht ganz unbewusst und es gehört zu meiner Arbeit dazu.
Ich spüre ihren Schmerz, jede Faser davon. Und trotzdem gehe ich nicht in Deckung, nehme es nicht persönlich und leide nicht mit. Ich bleibe stehen und führe sie weiter, dorthin, wo es für sie leichter wird.
Solche Momente kennen Sie vielleicht auch aus dem Führungsalltag. Und aus dem Leben überhaupt, immer dann, wenn wir Menschen führen dürfen, die uns anvertraut sind. Es geht um zwei Fähigkeiten, die zusammengehören.
Empathie und Ekpathie, die ungeliebte Schwester
Empathie gilt seit Jahren als Goldstandard menschlicher Reife, in Führung, in Beziehungen, in der Pflege, in der Erziehung. Und sie ist kostbar, sie schafft Verbindung und Vertrauen.
Ekpathie ist die ungeliebte Schwester. Sie wird oft missverstanden, als Kälte, als Distanziertheit, als fehlendes Mitgefühl. In Wahrheit ist sie etwas anderes: die Fähigkeit, ganz da zu sein für einen Menschen und dabei ganz bei sich zu bleiben. Eine Form innerer Eindeutigkeit.
In einem Satz: Mit Empathie fühlen wir, mit Ekpathie führen wir.
Das meint: Wir verstehen die Bedenken eines Menschen, seine Ängste und Sorgen angesichts eines Wandels, einer Transformation, einer Veränderung im Unternehmen. Und trotzdem führen wir ihn mit einer inneren Eindeutigkeit hindurch, die ihm Zuversicht und Sicherheit gibt. Ohne seine Ängste und Sorgen zu unseren eigenen zu machen.
Warum reines Mitfühlen uns erschöpft
Stellen Sie sich vor, Sie liefen den ganzen Tag empathisch herum und würden jedem Gefühl in Ihrer Umgebung gerecht. Die Sorge der Kollegin, die Wut des Kunden, die Angst im Team. Sie würden alles aufnehmen und mittragen. Irgendwann wären Sie leer und niemand hätte sein Ziel erreicht.
In helfenden und führenden Rollen ist das längst bekannt: Wer dauerhaft alles mitleidet, brennt aus. Der Körper kennt keinen Unterschied zwischen dem eigenen Stress und dem, den wir für andere aufnehmen. Beides zehrt.
Ekpathie schützt genau hier. Sie hält uns gesund, weil sie uns erlaubt, eine Situation zu fühlen, sie einzuordnen und dann zu entscheiden, ob wir wirklich in sie eintauchen. Ich kann ein Gefühl erfassen, ohne mich darin zu verlieren. Ich kann auch stehenbleiben – und in den Abgrund blicken, ohne selbst hineinzuspringen.
Das muss ich in meiner Praxis täglich tun. Ich möchte Menschen aus einem Leid herausführen und genau dann begegnen mir Widerstände, Bedenken, Zweifel und manchmal Protest. In solchen Momenten muss ich standhaft bleiben, einen Standpunkt beziehen und stehenbleiben. Das erfordert Mut und eine gute Verbindung zu mir selbst. Denn Ekpathie ist unbequem. Wir machen uns damit nicht beliebt. Doch die Ergebnisse geben uns recht.
Und: Stellen Sie sich vor, wir hätten uns in den letzten Jahrhunderten immer wieder von den Ängsten anderer vom Fort-Schritt abhalten lassen. Wo wären wir heute wohl?
Respekt ist das Gefäß, Liebe der Inhalt
In meiner Praxis erlebe ich oft, wie sehr diese Standfestigkeit fehlt. Viele Menschen opfern sich auf, für ihre Ursprungsfamilien, für ihre Unternehmen und für die eigenen Kinder. Und wenn wir ganz ehrlich sind, wird es uns selten gedankt. Jedenfalls nicht in dem Maße, das uns nähren und auffüllen würde.
Viele Menschen wollen geliebt werden. Darum sind sie empathisch, lesen anderen die Wünsche von den Lippen ab und gehen dabei über die eigenen Grenzen. Für mich ist das fast ein Akt der Vergeblichkeit. Ich würde sogar sagen:
Empathie bringt uns Liebe und Zuneigung, Ekpathie bringt uns Respekt und Wertschätzung.
Beides geht Hand in Hand. Und doch kommt der Respekt zuerst.
Respekt ist das Gefäß, Liebe der Inhalt.
Wäre die Liebe noch da, wenn das Gefäß zerbricht?
Mein Auftrag ist es dann nicht, jemanden in seiner Selbstaufgabe zu bestärken. Meine Aufgabe ist es aber auch nicht, jemanden zu retten. Ich kann den Weg weisen, gehen müssen die Menschen ihn selbst, gern mit meiner Unterstützung. Ich helfe dann also, die Grenze zu fühlen und markieren, die wir längst hätten setzen dürfen. Bin ich dabei Empathisch? Unbedingt. Und auch ekpathisch. In solchen Momenten bin ich nicht kalt. Ich bin eindeutig. Denn das Leben fragt nicht nach unserer Meinung. Es zeigt nur Wirkung und es ist oft eindeutiger sowie gnadenloser, als uns lieb ist.
Was das für Sie als Führungskraft bedeutet
Führung braucht beides. Das Herz, um Menschen wirklich zu erreichen, und die Standfestigkeit, um bei sich zu bleiben, zu entscheiden und die Richtung zu halten.
Gesunde Grenzen sind kein Gegenteil von Mitgefühl. Sie sind seine Voraussetzung. Wer bei sich bleibt, kann anderen länger, verlässlicher und wärmer begegnen. Wer sich verausgabt, hat irgendwann nichts mehr zu geben.
Ekpathie lässt sich üben. Sie beginnt mit einer einfachen Unterscheidung: Was gehört gerade mir und was gehört dem anderen? Was davon darf ich fühlen und trotzdem dort lassen, wo es hingehört? Aus dieser Ordnung wächst Kraft, für Sie selbst und für die Menschen, die Sie führen.
Ihr erster Schritt
Wenn Sie viel Verantwortung tragen und merken, dass Sie zu viel mittragen, schauen wir gemeinsam hin, wo Sie sich verausgaben und wie Sie mit offenem Herzen führen können, ohne auszubrennen. In meiner Praxis in Berlin-Schöneberg oder per Video. Mehr dazu auf meinen Seiten Für Führungskräfte und Burnout und Erschöpfung. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch.
Und zum Schluss eine Frage: An welcher Stelle tragen Sie gerade zu viel mit, weil Sie zu viel mitfühlen?
Dieser Beitrag ist ein persönlicher und systemischer Impuls und ersetzt keine ärztliche Behandlung.