„Ich möchte das so nicht." Fünf Wörter. Ich übe sie mit Menschen jeden Alters, und fast allen fallen sie schwer. Dabei klingen sie so einfach.
Fünf Wörter, die drei Dinge tun
Wir wollen empathisch sein. Großzügig. Hilfsbereit. Darüber vergessen wir oft, was wir selbst wollen. Dabei tun diese fünf Wörter drei Dinge auf einmal:
Wir beziehen einen Standpunkt.
Wir werden sichtbar.
Und der andere weiß, woran er bei uns ist.
Genau das vermeiden die meisten. Alle drei. Ein Standpunkt kann falsch sein. Sichtbarkeit kann wehtun. Und Eindeutigkeit lässt sich nicht mehr zurücknehmen. Also bleiben wir lieber im Ungefähren.
Wir schweigen aus einer alten Angst
Wir sagen uns, wir schweigen, um niemanden zu verletzen. In Wahrheit schweigen wir oft aus Angst, den anderen zu verlieren. Aus Angst, dass er uns nicht mehr mag, wenn wir eindeutig sind. Dass wir nicht mehr dazugehören.
Diese Angst ist älter als jede einzelne Situation. In jeder menschlichen Gemeinschaft war Ausschluss einmal lebensbedrohlich. Wer aus der Gruppe fiel, überlebte nicht. Der Körper hat das nicht vergessen. Deshalb reagiert er auf einen klaren Satz, als ginge es ums Ganze, obwohl es nur um eine Besprechung geht, um eine Bitte, um eine Grenze. Wir lavieren uns durch und machen es allen recht. Zufrieden macht das nicht.
Das Warten auf die Erlaubnis
An dieser Stelle höre ich oft: Dafür bräuchte ich erst Sicherheit von außen. Erst müsse sich die Lage beruhigen, erst müsse jemand mir den Rücken stärken, dann könne ich den Mund aufmachen.
Für mich ist das ein Hinweis auf etwas viel Älteres. Eine väterliche Instanz soll erst Sicherheit geben, bevor ich für mich einstehe. Auf diese Erlaubnis lässt sich lange warten. Gerade werden ganze Unternehmen umgebaut, und niemand fragt vorher: Möchtest du das so?
Im Grunde geht es um Urvertrauen. Um das tiefe Vertrauen, dass der Boden mich trägt, wenn ich mich zeige, dass ich nicht aus allem herausfalle, nur weil ich einen Standpunkt beziehe. Dieses Vertrauen wird früh gelegt. Wo es gefehlt hat, suchen wir es später im Außen, bei Vorgesetzten, bei Partnern, in der Zustimmung der anderen. Dort ist es nie ganz zu finden, weil es von innen wachsen möchte. In die eigene Größe kommen wir, wenn wir aufhören, auf den Vater zu warten, im Außen wie im Innen. Wie sehr unsere Herkunft mitbestimmt, ob wir für uns einstehen können, beschreibe ich unter systemische Begleitung.
Fünf Wörter, die man üben kann
Die gute Nachricht: Das lässt sich lernen. Ich gehe diese fünf Wörter mit Menschen jeden Alters durch, und wir fangen klein an. Bei der Bestellung im Restaurant. Bei der Bitte, die man freundlich ablehnt. Bei der Einladung, zu der man ehrlich Nein sagt. Jedes Mal, wenn wir es tun und die Welt nicht untergeht, lernt der Körper etwas Neues. Er lernt, dass ein Standpunkt uns nicht in Gefahr bringt. Und mit jedem Mal wird der Satz ein Stück leichter.
In der Sichtbarkeit sind wir am sichersten
Wer es ausprobiert, macht eine merkwürdige Erfahrung. Der Satz, vor dem wir uns so fürchten, bringt uns nicht in Gefahr. Er bringt uns auf festen Boden. In der Sichtbarkeit sind wir am sichersten, weil der andere endlich mit einem echten Menschen zu tun hat und nicht mit einer Anpassung.
Das gilt privat, und es gilt in jeder Führungsrolle. Ein Mensch, der sagen kann, was er will und was nicht, ist berechenbar, und Berechenbarkeit schafft Vertrauen. Ein solcher Mensch ist auch unbequem. Er ist wehrhaft, er lässt sich nicht beliebig verschieben. Und gerade das macht ihn sicher. Wer für sich selbst einstehen kann, ruht in sich und braucht die Bestätigung von außen nicht mehr. Das ist der beste Schutz vor Abhängigkeit, in jeder Beziehung und in jedem Unternehmen. Mehr dazu finden Sie auf meiner Seite Für Führungskräfte.
Ihr erster Schritt
Wenn Ihnen dieser klare Satz schwerfällt und Sie ahnen, dass die Ursache weiter zurückreicht als die aktuelle Situation, schauen wir gemeinsam dorthin, in meiner Praxis in Berlin-Schöneberg oder per Video. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch.
Und zum Schluss eine Frage: Wann haben Sie zuletzt gesagt, dass Sie etwas so nicht möchten?
Dieser Beitrag ist ein persönlicher und systemischer Impuls und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.
Bild: Lora Nnva