Obstbaum auf einer Wiese als Sinnbild für abgespaltene Anteile und den Weg zur Ganzheit.

Ich werde oft gefragt, wie ich Traumata bearbeite oder begleite. Dann runzle ich die Stirn und werde nachdenklich. Denn ehrlich gesagt habe ich keine Methode. Ich gehe dem Phänomen auf die Spur und löse es auf die einzige schöpferisch mögliche Art: Ich hole einen Anteil zurück, den ein Mensch einmal stillgelegt hat.

Der Baum, der einen Ast aufgibt

Dafür schaue ich gern in die Natur, zum Obstbaum. Obstbäume gehören zu den wenigen Bäumen, die einen ganzen Ast stilllegen können. Wenn die Umstände lebensfeindlich werden, durch Parasiten, zu wenig Sonne, zu wenig Nährstoffe für den ganzen Baum, dann tut er etwas Kluges. Bevor er ganz stirbt, gibt er lieber einen Anteil auf. Er legt einen Ast still, damit der Rest überlebt.

Der Mensch kann das auch. Wenn die Umstände zu hart werden, für ein Kind besonders, legen wir einen Anteil von uns still. Für mich ist das keine Schwäche. Es ist vielmehr dieselbe kluge Überlebenskunst wie beim Baum. Und genau das meine ich, wenn ich von Trauma spreche.

Was einen Anteil stilllegt

Das wohl krasseste Beispiel ist der Krieg. Im Schützengraben sehen Menschen andere sterben. Deshalb hat der Krieg einen so langen Arm. Es heißt, es brauche viele Generationen, um so etwas zu heilen. Denn dort wird ein Anteil stillgelegt, zum Beispiel der Anteil Freund. Und wenn wir einen nahen Menschen verlieren, im schlimmsten Fall die Eltern, dann auch der Anteil Sohn oder Tochter.

Aber es braucht keinen Krieg. Auch eine Grenzüberschreitung schlägt eine Delle: verbale Angriffe, Lieblosigkeit, emotionale Verwahrlosung, eine unangenehme Berührung, im schwersten Fall ein sexueller Übergriff. Überall dort, wo das Leben einmal zu bedrohlich war, zieht sich ein Anteil zurück und geht in Deckung.

Die Anteile sind nicht weg

Diese stillgelegten Anteile verschwinden nicht. Sie liegen in der großen Schale des Unterbewusstseins, im Autopiloten, und sie melden sich. Oft klopfen sie als Trigger an, wenn ein Satz uns unerwartet aus der Bahn wirft. Mehr dazu in Ein Satz, und plötzlich sind wir wieder zwölf.

Wir spüren, dass wir in bestimmten Lebensbereichen gehemmt sind, fast wie behindert. Wir stehen vor verschlossenen Türen. Auch in uns selbst. Wir tun uns schwer, Beziehungen aufzubauen, privat wie beruflich. Das sind Hinweise darauf, dass vielleicht ein solcher Anteil fehlt.

Denn unser System strebt nach Ganzheit. Im Verlauf unseres Lebens wollen wir alle wieder ganz werden.

Alle Tassen im Schrank

Mit etwas Humor oder dem Volksmund gesagt: Wir wollen wieder alle Tassen im Schrank haben. Je mehr Tassen uns fehlen, desto ver-rückter wirken wir, mit Bindestrich geschrieben. Denn wir sind dann nicht verrückt im Sinne von wahnsinnig. Sondern etwas in uns ist ver-rückt, aus seiner Ordnung geraten. Und genau das dürfen wir wieder zurechtrücken.

Wie ein Anteil zurückkommt

Einen stillgelegten Anteil zurückzuholen geht nicht über den Verstand und nicht durch guten Willen allein. Es braucht einen sicheren, geführten Raum, oft eine Aufstellung, in der der abgespaltene Anteil wieder auftauchen und seinen Platz einnehmen darf. Wo Kriegs- und Familienschicksale mitschwingen, schauen wir auch auf die Generationen davor. Ich habe erlebt, dass Menschen sich dabei wieder vollständiger fühlen, lebendiger und freier.

Ihr erster Schritt

Vielleicht kennen Sie so eine verschlossene Tür in sich. Was würde möglich, wenn der Anteil dahinter wieder mitleben dürfte? Mehr über meine Arbeit lesen Sie auf meiner Seite Traumatherapie. Der erste Schritt ist ein kostenfreies Orientierungsgespräch.

Rechtlicher Hinweis: Nach einer schweren Traumatisierung gehört die Behandlung in ärztliche oder psychotherapeutische Hände. Meine Begleitung ist komplementär und ersetzt keine ärztliche oder psychiatrische Behandlung. In akuten Krisen mit Selbstgefährdung wenden Sie sich bitte an den ärztlichen Bereitschaftsdienst 116 117 oder den Notruf 112.

Bild: Lukas Gächter

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